Evangelische Christen in Baku: "Keine Probleme"

Jens Gesper

Aserbaidschan hat die Kirche in Baku auf Staatskosten renoviert. Dass die Orgel dabei im Altarraum landete, merkten die Gemeinden erst hinterher - gefragt wurden sie nicht.

Im Vorfeld des Eurovision Song Contest gab es viel Sorge um die Menschenrechte in Aserbaidschan. Diskriminierung und Gewalt gegen Homosexuelle, mangelnde Pressefreiheit und die Sorge um die Rechte von andersgläubigen Minderheiten in dem mehrheitlich muslimischen Land beschäftigen die Beobachter vorab. Vor Ort allerdings, berichtet die deutsche lutherische Gemeinde in Baku, funktioniert das mit der Religionsfreiheit aber doch.

Als am Freitagabend im Euroclub Baku – dieser abendliche Treffpunkt gehört zu den zwei Probenwochen vor dem ESC wie die zwölf Punkte zum Sieger – das armenische ESC-Lied "Apricot Stone" von 2010 aufgelegt wurde, war Schluss mit lustig. Armenische Lieder werden im aserbaidschanischen Euroclub untersagt. Beide Länder gehörten früher zur Sowjetunion, Armenien aber annektierte nach dem Zusammenbruch der UdSSR das zu Aserbaidschan gehörenden Bergkarabachs. Trotz eines Waffenstillstandes seit 1994 befinden sich die beiden Nachbarländer auch heute noch offiziell im Kriegszustand. Weil die Armenier bereits vor mehr als 1700 Jahren das Christentum zur Staatsreligion machten und zugleich in Aserbaidschan rund 95 Prozent der Bevölkerung Muslime sind, deuten Menschen diesen Konflikt gern als Religionskonflikt. Eine Fehleinschätzung, sagt Anne Thompson, Mitglied der evangelisch-lutherischen Gemeinde in Baku: Die deutsche lutherische Gemeinde in der Hauptstadt Aserbaidschans fühlt sich jedenfalls nicht unterdrückt.

Das eindrucksvolle Kirchengebäude, in dem Gemeinde in Baku ihren sonntäglichen Gottesdienst feiert, ist vor mehr als hundert Jahren gebaut worden, zur Hälfte bezahlt von den drei Nobel-Brüdern. In sowjetischen Zeiten war die Kirche erst eine Werk-, dann eine Lagerhalle, im selbstständigen Aserbaidschan dann das Orgel- und Kammermusik-Haus. Das ist sie auch heute noch, doch die Lutheraner dürfen hier wieder Gottesdienst feiern. 40 Euro Miete kostet sie das pro Gottesdienst in der seit 2010 sanierten Kirche. Eine Rückgabe der alten Güter und Gebäude habe es in Aserbaidschan nicht gegeben, aber der Staat habe viel Geld für eine sehr gute Renovierung ausgegeben, berichtet Anne Thompson.

Nach 1937 gab es keine Evangelisch-Lutherische Gemeinde mehr in Baku, der bereits zuvor geschasste Pastor Paul Hamburg war erschossen worden. In den 90er Jahren engagierten sich vor allem Frauen für die Wiedergründung der Gemeinde. Deshalb sei es heute für die Gemeinde kein Problem, dass mit Manzar Ismayilova eine Frau Pastorin ist, erläutert Anne Thompson – für Aserbaidschan ist das keine Selbstverständlichkeit. Wie außergewöhnlich das ist, findet man beim Googlen des Namens: In der englischsprachigen Wikipedia ist Manzar Ismayilova im Zeitstrahl der aserbaidschanischen Frauen-Emanzipation verzeichnet, weil sie "the first Azeri female pastor" war.

Fast alle Gottesdienstbesucher sind Frauen

An diesem Sonntag sind knapp 30 Besucher im Gottesdienst, 90 Prozent Frauen. Die Lieder werden auf fotokopierten Blättern verteilt. Dazu gibt es die dreisprachige "Evangelisk-Lüteran icmalarda Əsas ibadƏtin keçirilma üsulu", zu Deutsch: "Ordnung des Hauptgottesdienstes der evangelisch-lutherischen Gemeinden".

Gesangbücher hat die Gemeinde nicht, die Lieder werden auf Zettel kopiert. Foto: Jens Gesper

Das Aserbaidschanische wird in diesem Gottesdienst nicht gebraucht, aber Sündenbekenntnis, Glaubensbekenntnis und Vaterunser werden nacheinander erst auf Russisch, dann auf Deutsch gesprochen. Bei den Liedern ist es genau umgekehrt: Bei "Ich singe dir mit Herz und Mund", "Ich weiß, woran ich glaube" und "Wie soll ich dich empfangen" wird erst eine Strophe auf Deutsch, dann die gleiche auf Russisch gesungen.

Das Pendeln zwischen dem Russischen und dem Deutschen macht sehr deutlich, dass die deutsche Gemeinde in Baku derzeit ihren Weg sucht. Sie bräuchten Geld aus Deutschland und bekommen es auch, so Anne Thompson, aber gleichzeitig sei die Gemeinde auf dem Weg, sich eine stärkere Unabhängigkeit zu erarbeiten. Ein Zeichen dieser Unabhängigkeit ist die eigene Pastorin: Zuvor war die Bakuer Gemeinde auf sporadisch aus Deutschland entsandte Pfarrer oder einen Pastor aus Tiflis - Hauptstadt des Nachbarlandes Georgien - angewiesen.

Als Orgel-Nachspiel gibt es in der Kirche das "Ave Maria" von Bach/Gounod, mit Schlussapplaus endet der Gottesdienst. Dann muss aufgeräumt werden: der Altar kommt weg, die jeweils erste Kirchenbank wird umgedreht. Eine Stunde nach den Lutheranern feiert die nächste christliche Gemeinde. Das sei eine Gruppe junger Leute, die brauche mehr Platz und eine Lautsprecheranlage, erklärt Anne Thompson die Umbaumaßnahmen. Nachmittags trifft sich dann noch eine dritte Gemeinde zum Gottesdienst in der altehrwürdigen Kirche.

Heißer Tee und Kekse im "Gemeindezentrum"

Die Lutheraner machen sich indes auf ihren Weg zu einer Wohnung, die sie als Gemeindebüro und Ort der Gemeindearbeit nutzen. Auf dem Weg passiert die Gruppe eine Baustelle, wo gerade eine Straße eine neue Asphaltschicht bekommt. Obwohl Aserbaidschan ein muslimisches Land ist, scheint auch hier der Sonntag Familientag zu sein - und trotzdem wird am Sonntag gebaut? Das geschäftige Treiben erklärt Anne Thompson damit, dass Baku für den Eurovision Song Contest seit Monaten spürbar aufpoliert wird.

Ganz in der Nähe des Hauptbahnhofs im zweiten Stock eines Hauses liegt die Wohnung der Gemeinde, in der sie auch Gottesdienste feierte, als die Kirche renoviert wurde. Jetzt sind in diesem Raum Tische und Stühle aufgestellt, bei Gebäck und heißem Tee trifft sich die Gruppe. Sie singen noch einmal, ein Gemeindeglied hatte Geburtstag: "Viel Glück und viel Segen auf all' deinen Wegen, ein fröhliches Herz, das schenke dir Gott!" wünscht die Gruppe dem Geburtstagskind. Der Text steht über der Tür, auf Deutsch und auf Russisch. Ansonsten hängen hier Bilder von Martin Luther und der Wartburg, große Plakate erinnern an Weltgebetstage der vergangenen Jahre.

Das russische Erbe spielt oft keine Rolle mehr

Für die Menschen in der Gemeinde ist das gesellige, zwanglose Zusammenkommen ein wichtiger Teil ihres Alltags. Yelena Sibayeva, heute 29, erinnert sich, wie ihr früher die Strenge des orthodoxen Glaubens Angst gemacht habe. Kurz nach Weihnachten sei sie bei einem evangelischen Gottesdienst gewesen, habe sich alles in Ruhe anschauen können, und da habe sie ihren Weg zum Glauben gefunden. Seit 2000 sei sie in der Gemeinde, 2001 dann getauft worden.

Die Kirche in Baku wurde vom Staat saniert und wird von vielen Gemeinden für Gottesdienste genutzt. Foto: Jens Gesper

Der Kirchenwechsel habe für sie keinerlei Probleme mit sich gebracht. Aber, sagt sie, als orthodoxe Russin habe sie ja lediglich die Konfession gewechselt – ein Muslim, der Christ werde, müsse auch in Aserbaidschan eher mit Schwierigkeiten rechnen.

Mittlerweile studiert die gebürtige Bakuerin seit zweieinhalb Jahren in Berlin Erziehungswissenschaften und Psychologie. Es sei nicht einfach gewesen, nach Deutschland zu kommen, sagt sie, aber: "Ich hab' mich durchgesetzt." In Berlin sei alles anders: das Studium, die Art zu Studieren, die Menschen, das Land. Ihre Zukunft sieht die junge Frau eher in Deutschland. Von ihrer Kindheit in der Sowjetunion ist nicht viel übrig. Russisch ist schon seit 1991 nicht mehr Amtssprache in Aserbaidschan. Seit 1992 wird in Aserbaidschan offiziell nur noch mit lateinischen Buchstaben geschrieben statt mit kyrillischen. Und für Yelena Sibayeva ist klar: "Deutsch hab' ich schneller gelernt als Aserbaidschanisch."

Der Gemeinde fehlt der Nachwuchs

Aber die junge Frau ist eine von wenigen. Der Evangelisch-Lutherischen Gemeinde Baku mit ihren 81 Gemeindegliedern fehlt der Nachwuchs, auch wenn sich vor kurzem erst wieder eine vierköpfige Familie taufen ließ. Dabei habe es früher sogar einen Kinder- und einen Jugendchor gegeben, erinnert sich Stalina Aliyeva, eine Aserbaidschan-Deutsche, wie sie selbst betont: Ihre Familie wurde, wie viele andere Nachfahren deutscher Einwanderer in der Sowjetunion auch, im Zweiten Weltkrieg zwangsumgesiedelt. Nach Kasachstan.

Die früher übliche Freizeit in den Sommerferien falle dieses Jahr aus, weil es nicht genug Kinder und Jugendliche gebe, bedauert Anne Thompson. Und so ist es für die Evangelisch-Lutherische Gemeinde Baku heute definitiv nicht mangelnde Religionsfreiheit, die ihre Zukunft ungewiss macht. Sie nehme keine Probleme für Christen wahr, bekräftigt Anne Thompson. Die Führungskreise in Aserbaidschan seien säkular eingestellt, kleine starke und fundamentalistische Islamisten-Gruppen von Schiiten gebe es vor allem Süden und von Sunniten im Norden des Landes. Stalina Aliyeva fasst die Situation der Christen in Aserbaidschan mit zwei Worten zusammen: "Keine Probleme."

Deutschlehrerin Nadjeshda Sibayeva  zieht über die Jahre hinweg ebenfalls eine positive Bilanz. Früher sei die Gemeinde häufiger von der Polizei geprüft worden, inzwischen ist das nicht mehr so: "Sie kennen uns, weil wir schon zehn Jahre registriert sind." Und auch in der Nachwuchsfrage hat Anne Thompson Hoffnung. Es gebe ja Kinder in der Gemeinde. Nächstes Jahr, hofft sie, gibt es dann wieder ein Sommerferienlager der Evangelisch-Lutherischen Gemeinde in Baku.

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