Wie Ehrenamt neue Räume eröffnen kann

Illustration von offener Tür, durch die ein gelber Lichtstrahl scheint
Illustration: Getty Images/iStockphoto/NeoLeo
Pfarrer Dr. Fabian Vogt von der Zukunftswerkstatt midi sieht gerade jetzt eine Chance für die Kirche, mit dem Ehrenamt neue Räume zu eröffnen.
Gemeinsam Kirche gestalten
Wie Ehrenamt neue Räume eröffnen kann
Die Kirche befindet sich in einem tiefgreifenden Wandel. Weniger hauptamtliches Personal, knapper werdende finanzielle Ressourcen und sinkende Mitgliederzahlen verändern vertraute Strukturen. In einem Interview mit dem epd berichtet Pfarrer Dr. Fabian Vogt von der Zukunftswerkstatt midi von einer Chance, Ehrenamtliche noch stärker an der Gestaltung kirchlichen Lebens zu beteiligen.

"Ich glaube, dass wir uns in einer Übergangsphase befinden", sagt Dr. Fabian Vogt. Seine These: Wir sind auf dem Weg zu einer "Ehrenamtskirche". Das bedeute jedoch keinesfalls, dass Hauptamtliche überflüssig würden. Vielmehr könne sich ihre Rolle teilweise verändern und erweitern: Neben eigenen Aufgaben gehe es zunehmend darum, andere zu befähigen, zu begleiten und ihnen Gestaltungsmöglichkeiten zu eröffnen.

Für Vogt ist diese Vorstellung eng mit dem evangelischen Selbstverständnis verbunden. Das "Priestertum aller Gläubigen" gehöre zu den zentralen Gedanken der Reformation, betont er in einem Interview mit dem Evangelischen Pressedienst (epd).. Es bringe zum Ausdruck, dass alle Christinnen und Christen dazu berufen sind, ihren Glauben zu leben, weiterzugeben und Verantwortung für die Gemeinschaft zu übernehmen.

In der kirchlichen Praxis habe sich dennoch über lange Zeit eine deutliche Rollenverteilung zwischen Haupt- und Ehrenamt entwickelt. Bestimmte Aufgaben seien dabei besonders stark mit dem Pfarramt oder anderen kirchlichen Ämtern verbunden worden. Vogt wirbt dafür, neu darüber nachzudenken, an welchen Stellen Ehrenamtliche innerhalb der jeweiligen kirchlichen Ordnungen stärker beteiligt und befähigt werden können.

Ein Beispiel ist für ihn das Segnen im persönlichen Alltag. Noch vor einigen Jahrzehnten sei es selbstverständlich gewesen, dass etwa eine Großmutter ihrem Enkel einen Segen mit auf den Weg gab. Vogt möchte Menschen ermutigen, solche Formen gelebten Glaubens wieder stärker für sich zu entdecken. "Segnen dürfen alle!", sagt er und meint damit insbesondere den persönlichen Segen von Mensch zu Mensch. Ähnliches gelte für das Sprechen über den eigenen Glauben.

Wie erleben Menschen Kirche?

Dahinter steht für Vogt eine grundsätzliche Frage: Wie erleben Menschen Kirche? Begegnen sie ihr vor allem als einem Ort, an dem Angebote für sie gemacht werden, oder erleben sie sich selbst als Teil einer Gemeinschaft, die sie mitgestalten können?

Viele Menschen hätten den Wunsch, mit ihren konkreten Fragen und Lebenserfahrungen in kirchlichen Angeboten stärker vorzukommen, beobachtet Vogt. Darin sieht er ein wichtiges Signal. "Es braucht eine Kirche, an der Menschen mit ihrem Leben teilhaben, in der sich Menschen gesehen fühlen", sagt er.

Er plädiert deshalb für mehr Zielgruppenorientierung und kommunikative Vielfalt. Ein Weg könne sein, Ehrenamtliche stärker in Gottesdienste einzubeziehen und ihnen – je nach Form, Beauftragung und landeskirchlicher Ordnung – eigene Gestaltungsmöglichkeiten zu eröffnen.

Dabei sollten ehrenamtlich mitgestaltete Gottesdienste nicht als bloße Ersatzlösung verstanden werden. Unterschiedliche Formen könnten unterschiedliche Menschen ansprechen. Entscheidend sei, so Vogt, dass das, was in einem Gottesdienst geschieht, für die Menschen nachvollziehbar und zugänglich ist und zugleich dem jeweiligen kirchlichen und theologischen Rahmen entspricht.

Hauptamtliche als Trainer

Welche Aufgaben kommen Hauptamtlichen in einer solchen Kirche zu? Vogt verwendet dafür ein Bild aus dem Sport: "Hauptamtliche werden stärker die Rolle eines Trainers, einer Trainerin übernehmen", sagt er. Eine Mannschaft sei besonders dann gut, wenn ihre unterschiedlichen Mitglieder ihre Fähigkeiten entfalten könnten.

Das Bild beschreibt für Vogt allerdings nur einen Teil der hauptamtlichen Aufgaben. Pfarrerinnen und Pfarrer bleiben unter anderem für Verkündigung, Seelsorge, theologische Orientierung und jene Aufgaben verantwortlich, die an Ordination oder kirchliche Beauftragung gebunden sind. Zugleich können sie Menschen befähigen, begleiten, ermutigen und theologisch ausrüsten. Sie können Räume eröffnen und Ehrenamtliche darin unterstützen, Verantwortung zu übernehmen.

"Gemeinde allein Zuhaus‘" – 12 Wochen ohne Pfarrer

Wie das aussehen kann, hat Fabian Vogt als Gemeindepfarrer selbst ausprobiert: Unter dem Titel "Gemeinde allein Zuhaus‘" übernahmen Ehrenamtliche zwölf Wochen lang in besonderer Weise Verantwortung für das Gemeindeleben. Auch Gottesdienste wurden in dieser Zeit gefeiert. Das Experiment war sorgfältig vorbereitet. Vogt und die Ehrenamtlichen hatten im Vorfeld gemeinsam geplant, wer welche Aufgaben übernehmen konnte und wo Unterstützung notwendig war.

Für Vogt war besonders interessant, wie sich dadurch auch seine eigene Rolle veränderte. "Meine theologische Expertise war deutlich mehr gefragt als sonst", beschreibt er die Erfahrung. Menschen hätten sich theologische Kommentare von ihm ausgeliehen und ihn ausdrücklich gebeten, seine eigene Sicht und geistliche Gedanken zu bestimmten Themen einzubringen. Dies zeigt: Mehr Verantwortung für Ehrenamtliche muss die Bedeutung hauptamtlicher Expertise nicht verringern. Im Gegenteil – Rollen können klarer werden und sich gegenseitig ergänzen.

Ein Schatz, der noch nicht gehoben ist

In den vielen Ehrenamtlichen der Gemeinden sieht Vogt ein großes Potenzial. "Wir haben mit vielen Engagierten in unseren Gemeinden einen Schatz, den wir noch nicht gehoben haben", sagt er. Dieser Schatz besteht für ihn nicht nur in zusätzlicher Arbeitskraft. Es geht um Erfahrung, Kreativität, berufliche Kompetenzen, Glaubenshorizonte und unterschiedliche Perspektiven auf Kirche und Gesellschaft. 

Eine Kirche, die diese Potenziale stärker nutzen möchte, müsse Ehrenamtlichen deshalb echte Gestaltungsmöglichkeiten eröffnen. Dabei gehe es nicht darum, notwendige Leitungsstrukturen aufzulösen, sondern Verantwortung dort zu teilen, wo dies sinnvoll und möglich ist. Das Priestertum aller Gläubigen könne so stärker im Alltag kirchlichen Lebens sichtbar werden. Auch der Blick auf die Reformation könne dabei Anregungen geben. Für Vogt zeigt die reformatorische Tradition, dass geistliche Verantwortung nicht allein mit einer hauptamtlichen Tätigkeit verbunden ist.

Viele Engagementformen haben geistliche Bedeutung

Damit verändert sich auch der Blick auf vermeintlich kleine Tätigkeiten: Kaffee kochen, einen Raum vorbereiten, eine Gruppe leiten, Menschen willkommen heißen oder einen Gottesdienst gestalten: Für Vogt können all diese Aufgaben geistliche Bedeutung gewinnen, wenn sie Gemeinschaft ermöglichen und Menschen miteinander verbinden.

"Jedes Amt ist ein geistliches Amt, wenn es die christliche Gemeinschaft stärkt", formuliert er. Dabei verwendet Vogt den Begriff "Amt" nicht im kirchenrechtlichen Sinn. Ihm geht es um die Haltung, mit der Menschen Verantwortung für andere und für die Gemeinschaft übernehmen.

Von anderen lernen

Dass Veränderung nicht automatisch gelingt, zeigt für Vogt auch der Blick auf andere Kirchen. Bei einer Tagung habe er von einer evangelischen Kirche in Asien gehört, die über viele Jahrzehnte stark gewachsen sei, zuletzt aber ebenfalls mit rückläufigen Entwicklungen zu tun gehabt habe.

Besonders beeindruckt habe ihn die Reaktion der Verantwortlichen. Sie hätten begonnen, die Gründe für diese Entwicklung zu untersuchen und dabei auch eigene Entscheidungen kritisch hinterfragt. Eine solche Bereitschaft zur Selbstreflexion hält Vogt für wichtig. Die Kirche müsse sich fragen, ob ihre bisherigen Formen tatsächlich weiter Menschen einladen oder ob manche Strukturen den Zugang erschweren könnten.

Eine experimentierfreudige Kirche

Fabian Vogt plädiert für mehr Mut zum ergebnisoffenen Experiment. Zum Beispiel könnten neue Angebote zunächst für drei Monate ausprobiert werden. Danach könne die Gemeinde gemeinsam schauen: Hat es funktioniert? Was war gut? Was muss verändert werden? Drei Monate reichten normalerweise, um eine neue Tradition entstehen zu lassen. "Und wenn etwas nicht funktioniert, verliert niemand das Gesicht." Genau diese Haltung könne Gemeinden ermöglichen, neue Wege zu gehen.

Fabian Vogt plädiert für mehr Mut zum ergebnisoffenen Experiment. Zum Beispiel könnten neue Angebote zunächst für drei Monate ausprobiert werden. Danach könne die Gemeinde gemeinsam schauen: Hat es funktioniert? Was war gut? Was muss verändert werden? Drei Monate reichten normalerweise, um eine neue Tradition entstehen zu lassen. "Und wenn etwas nicht funktioniert, verliert niemand das Gesicht." Genau diese Haltung könne Gemeinden ermöglichen, neue Wege zu gehen.

"Ich glaube, wir haben eine Blütezeit vor uns", sagt Fabian Vogt. Es ist eine bewusst hoffnungsvolle Perspektive auf die Zukunft der Kirche. Entscheidend ist für ihn, dass Haupt- und Ehrenamt gemeinsam neue Formen kirchlichen Lebens entwickeln und die jeweiligen Stärken miteinander verbinden.

evangelisch.de bedankt sich bei der EKD für die inhaltliche Kooperation.