Im Wind verstreut, im Meer versunken, unterm Baum begraben oder in der Urne aufgestellt: So sieht unser Ende heute aus. Es ist Trend, kein Grab, und erst recht keinen Grabstein mehr für Verstorbene zu erwerben. Vielleicht spielen dabei auch die Kosten eine Rolle. Ein Grabstein ist nicht nur eine persönliche Entscheidung, sondern kann für Angehörige eine erhebliche finanzielle Belastung sein. Und natürlich gibt es gute Gründe für andere Formen des Abschieds. Darum soll es aber hier jetzt nicht gehen.
Ich bin bestimmt einmal im Monat auf irgendeinem meiner Friedhöfe unterwegs. Keine Sorge, ich habe keine morbide Ader, bin in der irdischen Hülle nicht unsterblich, und ich habe auch nichts mit der in meiner Generation noch bekannten Grufti-Szene zu tun. Warum also treffen Sie mich auf dem Friedhof?
Ich besuche Freunde, Weggenossen und Familienangehörige. Viele Menschen, die mich leider schon zu früh verlassen mussten. Grabstein für Grabstein klopfe ich mich dabei durch meine Lebensphasen und Erinnerungsschichten. Jedes dieser Gräber ist anders. Und jedes Grab hat einen individuellen Grabstein. Wie ein kleiner Fels in der Brandung des Alltags steht er zeitlos einfach da und ich kann ihn berühren. Und das berührt mich dann.
Von Grab zu Grab ein anderer Stein
Da ist beispielsweise mein Freund aus der Kindergartenzeit meiner Söhne, mit dem ich unzählige Male Touren am Wochenende unternommen habe. Manchmal ging es dann mit fünf Kindern ins Schwimmbad: Mitschwimmen, mitten im Leben sein, ja, das war sein Ding. Sein Grabstein wird von einem Streifen blau, wie ein Fluss schimmernd, durchschnitten. Wenn ich ihn berühre, strömen Gedanken hinfort, Erinnerungen tauchen auf und wieder ab. Manchmal sage ich sogar etwas laut: "Mensch, warum so früh?" oder "Deinen Söhnen geht es gut."
Katja Eifler volontierte nach ihrer Studienzeit im Lokalradio im Rhein-Kreis Neuss. Anschließend arbeitete sie als Radioredakteurin. Später als Redaktionsleiterin eines Wirtschaftsmagazins am Niederrhein. Seit April 2023 ist sie als Redakteurin vom Dienst für evangelisch.de tätig. Weiterhin arbeitet sie nebenbei als freischaffende Journalistin, Online-Texterin, Coach und Moderatorin.
An anderer Stelle ist das Grab von einem Mitschüler. Der war oft bei uns zu Hause. Ein einfacher Stein, aber kein einfacher Mensch. Zu klug und zu sensibel für diese Welt. Viel zu früh, an viel zu viel Leben wollen, gestorben. Für mich unvergessen.
Der nächste Grabstein, ganz anders … unübersehbar weit strahlend gepflegt, umringt von zahlreichen Figuren, Herzsteinen, Blumen und anderen Liebesbeweisen. Und das immer noch, nach über 20 Jahren. Herrlich italienisch ist dieses Grab, so wie seine Frau. Auch er ein Vater, dessen Söhne sehr früh alleine aufwachsen mussten.
Am Grabstein meiner Mutter treffen wir uns sogar einmal im Jahr als ganze Familie. Alle kommen angereist. Wir übernachten am Abend zusammen in der Nähe in einem Hotel. Oft ist es eine schöne Sause. Am nächsten Tag sitzen wir dann auf der Bank neben dem Grabstein und reden über sie, mein Vater sogar ganz oft mit ihr. Aus einem bestimmten Winkel scheint der Stein uns anzuschauen. Hoffentlich ist meine Mutter zufrieden mit dem, was sie sieht? Ab und an taucht sogar eine Erdhummel dahinter auf. Die liebte sie, Zufall?
Je nachdem, gehe ich dann beschwingt oder auch mal traurig wieder nach Hause. Je nachdem, welche Gedanken angestoßen wurden. Und je nachdem, wen ich besucht habe.
Ohne Grabstein würde es mir schwerer fallen, all diese Bilder zu bewahren. Da bin ich mir sicher. Also, nach diesem Plädoyer, wie stehen Sie eigentlich dazu? Stein oder nicht Stein? Das ist jetzt meine Frage.




