Auf die Diagnose einer unheilbaren Krankheit reagieren Menschen ganz unterschiedlich. Manche würden sich sehr bewusst mit dem Tod auseinandersetzen, andere ihn bis zum Schluss verdrängen, sagt Elisabeth Jentschke, Psychologin, Psychotherapeutin und Psychoonkologin am Universitätsklinikum Würzburg.
epd: Ein schwer kranker Krebspatient entwirft seine eigene Grabskulptur, sammelt Kochrezepte für seine Frau und lässt einen Film drehen über sein Leben. Ist das eine ungewöhnliche Reaktion?
Elisabeth Jentschke: Der Umgang dieses Patienten mit seinem bevorstehenden Tod ist etwas Besonderes, ja. Er setzt sich aktiv mit dem Tod auseinander, versucht aber auch, mit dem gegenwärtigen Leben verbunden zu bleiben. In der Fachsprache verwenden wir für diese besondere Fähigkeit den Begriff 'double awareness', ein gleichzeitiges Bewusstsein für das Leben und für seine Endlichkeit. Das sind keine Gegensätze. Es heißt nicht Leben oder Tod, sondern Leben und Tod.
Wenn der Patient sich fragt: Was ist mir jetzt noch wichtig? Wie möchte ich die verbleibende Zeit gestalten? - dann erlebt er hier eine Selbstwirksamkeit und eine Form der Kontrolle, während er andere Bereiche, wie etwa das Krebsleiden an sich, nicht kontrollieren kann. Dadurch bleibt er auch Handelnder und wird nicht nur zum Sterbenden.
Zwischen Akzeptanz und Hoffnung
Wie kann man die Gratwanderung bewältigen zwischen der Akzeptanz des nahen Todes und der Hoffnung, vielleicht doch noch geheilt zu werden?
Jentschke: Akzeptanz kann absolut entlastend sein, weil nicht mehr die gesamte psychische Energie darauf verwendet werden muss, eine Realität abzuwehren, die sich nicht verändern lässt. Gleichzeitig darf ich immer hoffen, dass vielleicht ein Wunder geschieht. Das ist wichtig. Diese scheinbar widersprüchliche Wirklichkeit kann man gleichzeitig in sich tragen.
Oft verändert sich mit der Zeit der Gegenstand der Hoffnung. Manche Menschen hoffen zunächst, dass sie geheilt werden. Irgendwann merken sie, das funktioniert nicht, der Tumor hat sich ausgebreitet. Dann richtet sich die Hoffnung darauf, dass die Therapie noch möglichst lange wirkt und sie noch eine gute Zeit haben können. Und schließlich hoffen sie, dass sie beim Sterben möglichst wenig leiden müssen und vielleicht die Familie gut zurücklassen können.
Kann es auch Vorteile haben, den nahen Tod zu verdrängen?
Jentschke: Menschen dürfen sehr unterschiedlich sterben. Aus Untersuchungen weiß man, dass fast die Hälfte der Menschen mit einer schweren Erkrankung nicht verstanden hat, dass ihr Leben zu Ende geht. Vielleicht kognitiv, aber nicht emotional. Das macht auch die Beratung schwierig. Der eine möchte alles wissen und vorbereiten. Ein anderer braucht mehr Hoffnung, vielleicht auch Ablenkung, manchmal sogar Vermeidung. Das kann sich phasenweise auch immer wieder abwechseln.
Es geht nicht darum, einem Menschen eine bestimmte Form der Akzeptanz vorzuschreiben, sondern herauszufinden, was diesem Menschen jetzt gerade hilft, damit er noch mal Lebensqualität und psychisches Wohlbefinden erlebt für die Zeit, die bleibt.
Frage nach dem Warum
Was halten Sie von dem oft verwendeten Ausdruck, gegen eine Krankheit "ankämpfen" zu müssen?
Jentschke: Der Begriff ist problematisch. Diese Kampfmetapher suggeriert ja, wenn es jemand nicht schafft, hat er nicht genug gekämpft. Das entspricht aber weder der medizinischen noch der psychologischen Realität.
Viele Menschen stellen sich die Frage: Warum ich? Warum jetzt?
Jentschke: Natürlich darf ein Mensch sich diese Fragen stellen, aber er wird keine Antwort darauf bekommen. In dem Moment ist er eher in der Opferrolle. Die Akzeptanz, dass man die Erkrankung nicht ändern kann, setzt eher Energie frei als die Frage nach dem Warum.
Was kann man tun, wenn man keine engen Angehörigen hat, die einen in dieser schweren Phase unterstützen?
Jentschke: Bei Freunden und Bekannten kann es manchmal Irritation oder Abwehr auslösen, wenn jemand über seinen nahenden Tod spricht. Dadurch konfrontiert er sein Umfeld mit dessen eigener Endlichkeit und einem Thema, das wir alle lieber auf Distanz halten würden.
Wenn Patienten keine Familie oder enge Freunde haben, hoffe ich, dass sie einen Menschen finden, zu dem sie noch eine Beziehung aufbauen können und der mit ihnen die Angst aushält. Das kann ein Seelsorger sein, die Ärztin, der Krankenpfleger oder die Psychotherapeutin aus der Palliativpsychologie. Vielleicht können sie über die Ängste des Patienten sprechen, vielleicht ist es wichtig, gemeinsam die Stille auszuhalten.
Wie kann man den Abschied noch erleichtern?
Jentschke: Was wir häufig machen mit Palliativpatienten: Wir fragen sie, ob sie ein Dokument hinterlassen möchten, beispielsweise einen Brief, und ob der einem Angehörigen oder einer Freundin übergeben werden soll.
"Wir Menschen möchten etwas hinterlassen."
Das müssen nicht unbedingt Kinder und Enkelkinder sein, das kann auch eine Erkenntnis sein: Was hat mich das Leben gelehrt? Manche Menschen möchten auch noch Unausgesprochenes loswerden, das sie mit sich herumtragen, als Entlastung.
Was kann man tun, wenn man merkt, dass man in seinem Leben zu viele Dinge aufgeschoben hat? Die Weltreise nicht gemacht hat, die man jetzt nicht mehr machen kann?
Jentschke: Auch das kann man in einem Dokument festhalten. Zum Beispiel in dem Satz: Kinder, macht es anders. Wartet nicht bis zum Ruhestand damit zu reisen. Verwirklicht eure Träume schon viel früher. Wenn ich es nicht selbst geschafft habe, so will ich doch diese Erkenntnis weitergeben.
Kann es helfen, wenn man gläubig ist?
Jentschke: Ich finde, es ist ein Geschenk und eine Gabe, wenn man glauben kann. Diese Menschen haben nach meinem Eindruck nochmal einen anderen Hoffnungsaspekt. Der Glaube an eine liebende Instanz, an das Gute, kann eine große Entlastung sein am Ende des Lebens.




