Warum Glockenläuten entspannen kann

Glocken des Berliner Doms
epd-bild / Christian Ditsch
Die drei Glocken des Berliner Doms läuten besonders sanft.
kurz Innehalten
Warum Glockenläuten entspannen kann
Glockenläuten unterbreche den Alltag, könne zum Innehalten motivieren und beruhigen, sagt der Musikwissenschaftler und Glockenexperte Michael G. Kaufmann.

Auf die Bedeutung des Glockenläutens für die Rhythmisierung des Alltags hat der Karlsruher Musikwissenschaftler Professor Michael G. Kaufmann aufmerksam gemacht. Wenn die Kirchenglocken mehrere Male am Tag ein paar Minuten lang läuteten, werde den Menschen im Arbeitsalltag eine Pause angeboten, sagte der Leiter des Orgel- und Glockenprüfungsamtes der badischen Landeskirche.

Er rate dazu: "Einfach hören und dabei abschalten". Man könne ein Gebet sprechen oder einfach nur still innehalten. Werde das Glockenläuten als positives Signal verstanden, könne das einen aus dem "täglichen Hamsterrad rausziehen" und sogar einem Burnout vorbeugen.

Glockenläuten beruhige und sei kein aggressives Medium. "Das Heavy Metal der Glocken ist auf jeden Fall entspannender als Heavy Metal Music", sagte Kaufmann.

Lautstärke von Glocken kann reduziert werden

Immer wieder gebe es Konflikte ums Glockenläuten, Anwohner fühlten sich dadurch gestört. Wie laut eine Glocke sein darf, ist im Bundes-Immissionsschutzgesetz geregelt. "An die staatliche Lautstärkerichtlinie halten wir uns selbstverständlich", betonte Kaufmann. Bei Beschwerden werde das Geläut geprüft und gegebenenfalls die Lautstärke reduziert. Dazu könne etwa mit weniger Schwung geläutet oder der Stahlklöppel mit einem Bronzepuffer versehen werden, erklärte der Glockenexperte. Damit gebe es mehr Obertöne, "es klingt viel weicher und schöner".

Glockenläuten von der Verfassung geschützt

Das Läuten der Kirchenglocken soll an die Liebe Gottes und die Ewigkeit erinnern sowie Zeit und Stunde anzeigen. Ihre primäre Aufgabe sei es, zum Gottesdienst oder zum Gebet zu rufen. Das liturgische Läuten sowie das Gebets- oder Angelusläuten an Werktagen und deren Dauer seien durch das Grundrecht der Religionsfreiheit und das kirchliche Selbstbestimmungsrecht geschützt. "Unser liturgisches Läuten und den liturgischen Uhrschlag lassen wir uns nicht nehmen", betonte Kaufmann.

Jahrhundertealte Tradition

Es sei eine bis in die frühen Hochkulturen zurückreichende Tradition, den Tag in Dreistundenschritte zu unterteilen. In den Klöstern hätten dies Mönche mit den Tageszeitengebeten eingeführt. Die Läutezeiten - sechs, neun, zwölf und fünfzehn Uhr - ergeben auf dem Zifferblatt ein Kreuz.

Seit 2025 gehören der Glockenguss und die Glockenmusik zum immateriellen Kulturerbe in Deutschland. "Ganz zu Recht, denn Glocken sind eine Identifikation mit unserer Heimat", sagte Kaufmann: "Es gibt kaum etwas Schöneres beim Wandern, als wenn man in der Natur den Klang von Glocken hört". 

 

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