1. Menschen in Krisen begleiten
Am 14. März 2019 war die Einschaltquote explodiert: Ich hatte spät abends das erste "Wort zum Sonntag" nach dem frisch angekündigten kompletten Lockdown in der Pandemie gesprochen. Von den Ängsten vor dem Virus und der Ungewissheit hatte ich erzählt und von der Aufgabe, bei allem notwendigen Abstand menschlich zusammenzurücken und aufeinander zu achten. Die Einschaltquote hatte sich gegenüber normalen Wochen sofort verdoppelt: Weit mehr als zwei Millionen Menschen waren dabei.
Die Erfahrung: Not lehrt vielleicht nicht automatisch beten, aber sie weckt eine große Sehnsucht nach Trost und Hoffnung. Und auch Menschen, die nie etwas mit Kirche zu tun haben, melden sich in solchen Zeiten mit Dank über den Zuspruch, den diese Fernsehsendung ins Wohnzimmer bringt.
Grundsätzlich betrachtet leistet evangelische Publizistik in Krisenzeiten nichts fundamental anderes als Kirche in ihrem Auftrag allgemein: Menschen in den Krisen und durch die Krisen zu begleiten, ihnen Deutungsangebote für das Geschehen zu machen. Sie hat aber ihre spezifischen publizistischen Möglichkeiten zur Erfüllung dieser Aufgaben, hat eigene Schwerpunkte und Zielgruppen sowie besondere Formate und Vermittlungsweisen. Dabei lässt sich "die" evangelische Publizistik kaum über einen Kamm scheren: Vom Evangelischen Pressedienst über Social-Media-Angebote und Zeitschriften bis zu den Verkündigungssendungen der Rundfunkarbeit spannt sich ein weiter Bogen mit notwendigerweise unterschiedlichen journalistischen Ansätzen und publizistischen Aufträgen.
2. Relevanz bewähren und stärken
Die Erfahrung mit dem Wort zum Sonntag und viele ähnliche Erfahrungen aus der Pandemie zeigen aber: Den Angeboten der evangelischen Publizistik wurde in der Krise viel Vertrauen entgegengebracht und Krisenbegleitungskompetenz zugeschrieben. Denn viele Menschen erwarten, ob aus Überzeugung, ob intuitiv oder auf der Suche nach Sinn, von Kirche und ihren Medien, dass sie etwas von Sorgen, Not, Angst, Tod und Trauer verstehen – und helfen können. Doch auch eine solche spontane Relevanzzuschreibung muss sich bewähren und sie sollte im besten Fall in den Krisen auch noch sichtbarer werden. Also müssen die Orientierungsleistung und Deutungsangebote tragfähig sein, und dürfen das Vertrauen des Publikums und der UserInnen nicht verspielen.
Gerade die Vielfalt der evangelisch-publizistischen Formate erweist sich dabei als Chance, weil sie verschiedene Bedarfe in Krisenzeiten abdecken: Der Pressedienst kann durch gut recherchierte Nachrichten informieren, ein Magazin wie chrismon kann durch Reportagen im Sinne des konstruktiven Journalismus auch Lösungswege aus Krisen zeigen. Social-Media-Kanäle können durch Community-Management Menschen miteinander ins Gespräch bringen. Gottesdienste in Funk und Fernsehen können durch Predigten und Gebete Trost spenden und Tausende verbinden.
Unter den heutigen Bedingungen der Aufmerksamkeitsökonomie steht die evangelische Publizistik vor einer Herausforderung: Auch in Krisen mit ihren Tendenzen zum Verharren, Einigeln und Absichern gilt es, ganz im Sinne ihres Gründervaters Robert Geisendörfer, den Blick weit zu halten und vor allem "den Sprachlosen eine Stimme" zu geben. Es ist gute evangelische Tradition und ein Markenzeichen, Themen und Menschen sichtbar zu machen, die im anderen Medienbetrieb möglicherweise schneller vernachlässigt werden.
3. Historische Erfahrungen ernst nehmen
Je rauer der gesellschaftliche und politische Wind zu wehen droht, desto mehr müssen, erst recht kirchliche Player, die historischen Erfahrungen und die Lehren daraus in Erinnerung rufen. Das schließt eine faire, ausgewogene Berichterstattung über konträre gesellschaftliche Positionen nicht aus. Im Gegenteil: Evangelische Publizistik muss den Austausch fördern und unterschiedliche Perspektiven ernst nehmen. Doch muss dies einhergehen damit, ihren eigenen Werten, Normen und Glaubensüberzeugungen treu zu bleiben und den Grund nicht zu verleugnen, in dem sie wurzelt.
4. Nicht weniger Theologie, sondern mehr und deutlicher
Gerade in Krisen steigt die Bedeutung von validen und vertrauenswürdigen Nachrichten und Fakten. Daneben fragen die Menschen in solchen Momenten aber auch verstärkt nach Sinn, Hoffnung, nach Verantwortung, nach dem Umgang mit Leid und nach der Möglichkeit, trotz aller Unsicherheit zuversichtlich zu bleiben. Für die evangelische Publizistik bedeutet dies, herauszustellen, was sie an Besonderem und Spezifischem anzubieten hat. Und auch wenn sehr unterschiedlich für die verschiedenen publizistischen Arbeitsbereiche zu deklinieren ist, heißt es auch, nicht weniger, sondern mehr und deutlicher von theologischen, christlichen, kirchlichen Themen ins Spiel zu bringen oder sie auch durch ihre journalistische Haltung, durch ihr Welt- und Menschenbild transparent zu machen. Diese Chance sollten christliche Stimmen und Institutionen insgesamt in dieser Zeit nicht verspielen.
Evangelische Publizistik darf aus ihrer eigenen Identität heraus sprechen – offen, dialogbereit und selbstkritisch, aber auch erkennbar und profiliert.
Evangelische Publizistik muss Menschen in Krisen begleiten, ohne ihnen die Wahrheit vorzuenthalten. Sie muss informieren, ohne sich in Belanglosigkeiten zu verlieren. Sie muss Fürsprache üben, ohne ihre journalistische Verantwortung aufzugeben. Das ist kein Zusatz zum evangelischen-publizistischen Auftrag. Es ist sein Kern – und wird in den kommenden Jahren womöglich noch notwendiger werden.




