München (epd). Die AfD wird nach Auffassung der Holocaust-Forscherin Andrea Löw in der öffentlichen Diskussion unterschätzt. Mit Blick auf einen möglichen Wahlsieg bei der bevorstehenden Landtagswahl in Sachsen-Anhalt stellte die Zeithistorikerin im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd) die AfD als Partei dar, „die bestimmen will, für wen die Menschenwürde gilt und für wen nicht“.
Die NS-Diktatur habe gezeigt, „wohin es führen kann, wenn sich eine politische Bewegung anmaßt, darüber zu entscheiden, wer als Mensch gelten darf und wer nicht“, erklärte die wissenschaftliche Leiterin des Zentrums für Holocaust-Studien am Institut für Zeitgeschichte München-Berlin. „Das sollte uns sehr viel stärker warnen, als es derzeit der Fall ist“, hob die Holocaust-Expertin hervor, die auch als Dozentin an der Universität Mannheim lehrt.
Besonnene und vernünftige Menschen in der Mehrheit
Dabei wähle die übergroße Mehrheit der Menschen in diesem Land nicht die AfD. „Aber im Geschrei der AfD und ihrer Anhänger geht manchmal unter, dass die Mehrheit etwas anderes will“, sagte Löw. Viele besonnene und vernünftige Menschen seien dagegen kaum zu hören. „Daraus kann eine gefährliche Dynamik entstehen: das Gefühl, ohnehin verloren zu sein und nichts mehr bewirken zu können“, erklärte sie und forderte: „Wir müssen lauter werden.“
Löw warf der AfD vor, „die Erinnerung an den Nationalsozialismus und den Holocaust ausradieren“ zu wollen - angefangen bei Alexander Gaulands Vergleich der NS-Zeit mit einem „Vogelschiss“ bis hin zum Programm der AfD in Sachsen-Anhalt. Alles, was nicht rechtsnationalistisch sei, solle nach dem Willen der AfD „aus dem Land, aus der Politik und aus der Bildung verdrängt werden. Das ist dramatisch“, machte die Historikerin deutlich.
Parallelen zwischen NSDAP und AfD
Sie zog außerdem Parallelen zwischen NSDAP und AfD: Beide stünden für antidemokratische Politik und rechtsextreme Ausgrenzungspolitik.
Mit Blick auf die Rolle der sozialen Medien für rechtspopulistische und -extremistische Positionen räumte Löw ein: „Wenn Algorithmen und Bots bestimmte Botschaften massenhaft verbreiten, sind unsere Möglichkeiten begrenzt.“ Sie sei dennoch auf den Plattformen aktiv, weil sie „dieses Feld nicht den anderen überlassen“ wolle, auch wenn sie „dort häufig auf verlorenem Posten“ stehe. „Ich weigere mich trotzdem, diesen 'Kampfplatz' aufzugeben, und poste weiter“, unterstrich die Wissenschaftlerin.



