Ingolstadt (epd). Die Kinder- und Jugendpsychotherapeutin Elisa Pfeiffer fordert, die Geräuschüberempfindlichkeit Misophonie ernst zu nehmen und medizinisch aufzuklären. Für Betroffene seien Geräusche wie Schmatzen, Atmen oder das Klicken von Stiften unerträglich, sagte die Forscherin der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt dem Evangelischen Pressedienst (epd). Sie reagierten darauf mit Wut, Ekel und Fluchtreflexen. Da Fachkräfte das Krankheitsbild kaum kennen und die Störung überwiegend im Alter zwischen 12 und 16 Jahren ausbricht, ziehen sich Jugendliche oft zurück und erkranken in der Folge mitunter an Depressionen.
Obwohl in Deutschland rund 90 Prozent der Menschen manche Geräusche als störend empfinden, sind nur etwa zwei Prozent klinisch so stark beeinträchtigt, dass Fachleute von echter Misophonie sprechen. Die Störung führt im Alltag zu massiven Einschränkungen. Aus Angst vor den Geräuschen meiden die Betroffenen beispielsweise das gemeinsame Essen in der Familie, Kantinenbesuche oder öffentliche Verkehrsmittel. Als Ursache gilt eine Kombination aus genetischen Faktoren, neurobiologischen Besonderheiten in den Emotionszentren des Gehirns und gelerntem Verhalten.
Therapeuten setzen auf Entspannung
Reine Konfrontationstherapien helfen laut Pfeiffer nicht, weil die Betroffenen im Alltag ja ohnehin permanent mit den auslösenden Geräuschen konfrontiert sind und dennoch kaum eine Gewöhnung eintritt. In der Eichstätter Hochschulambulanz setzen Therapeuten deshalb auf spezielle Verhaltenstherapie mit Entspannungselementen, um die negativen Reize schrittweise im Gehirn umzukonditionieren. Zudem rät die Expertin zur gezielten Aufklärung von Lehrkräften und Familien, damit der durch Geräusche ausgelöste Rückzug nicht fälschlicherweise als soziales Fehlverhalten missverstanden wird.



