"Glückliches Scheidungskind": Das klingt wie ein Widerspruch in sich. Trotzdem ist Milans Mutter überzeugt, dass es ihrem Sohn an nichts fehlt: Die Eltern streiten sich zwar umgehend, sobald sie sich begegnen, aber ihre Trennung haben sie offenbar ganz gut hinbekommen. Seither lebten sie, versichert die Mutter, "ein super funktionierendes Wechselmodell: alles fifty-fifty".
Die Schulpsychologin sieht das anders, zumal Milan mittlerweile einiges auf dem Kerbholz hat. Eine Zeichnung, auf der er eine Mitschülerin erschießt, hat die Rektorin bewogen, die Eltern zum Gespräch zu bitten. Die Psychologin erkennt in der "Fifty-fifty"-Rechnung "eine ganz schön große Lücke", sie sieht eher "vierzig-vierzig", und in dieser Lücke "macht ihr Sohn, was er will." Damit liegt sie völlig richtig: Im Gegensatz zur überbehütenden Marion (Laura Tonke) lässt Andi (Moritz Bleibtreu) die Zügel komplett schleifen und erlaubt Milan alles, was der Junge bei der Mutter nicht darf.
Der Auftakt des Films lässt keinen Zweifel daran, dass es in der nun folgenden Geschichte vorwiegend heiter zugehen wird, aber das Thema ist durchaus ernst zu nehmen. Schon Alireza Golafshas Kinodebüt "Die Goldfische" (2019) mit Tom Schilling als Banker, der nach einem Unfall querschnittgelähmt im Rollstuhl sitzt, war ein Drama in witziger Verpackung.
Tilmann P. Gangloff setzt sich seit 40 Jahren als freiberuflicher Medienkritiker unter anderem für "epd medien" mit dem Fernsehen auseinander. Gangloff (geb. 1959) ist Diplom-Journalist, Rheinländer, Vater von drei erwachsenen Kindern und lebt am Bodensee. Er war über 30 Jahre lang Mitglied der Jury für den Grimme-Preis, ist ständiges Mitglied der Jury Kindermedien beim Robert-Geisendörfer-Preis, dem Medienpreis der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), und 2023 mit dem Bert-Donnepp-Preis für Medienpublizistik ausgezeichnet worden.
"Alles Fifty Fifty" ist zudem neben einer Erziehungs- auch eine Beziehungskomödie: Andi (Moritz Bleibtreu) schlägt Marion (Laura Tonke) einen gemeinsamen Italien-Urlaub vor, in dessen Verlauf sich das ehemalige Ehepaar prompt wieder näher kommt, obwohl Andi großmütig zugestimmt hatte, dass Marion ihren neuen Freund mitbringen darf. Robin (David Kross) entpuppt sich als deutlich jüngerer Fitnesstrainer, der Andi respektvoll siezt. Außerdem wird recht bald klar, dass Marion ihn mutmaßlich nicht wegen seiner intellektuellen Fähigkeiten zu ihrem neuen Gefährten gemacht hat.
Natürlich sind die Stars die Zugpferde des Films, aber die zentrale Figur ist Milan, zumal der Junge im luxuriösen Urlaubshotel in Apulien seine eigenen Wege geht. Umso wichtiger war seine Besetzung. Valentin Thatenhorst (Jahrgang 2011), für seine jungen Jahre schon ziemlich kameraerfahren, macht seine Sache prima: Als die Eltern überrascht feststellen, dass ihr Sohn nicht schwimmen kann, engagieren sie Paris (Jasin Challah), den Rettungsschwimmer des Hotels, als Schwimmlehrer.
Kurz drauf lernt Milan jedoch die gleichaltrige Mila kennen. Das Mädchen macht mit seinem zotteligen Vater (Axel Stein) und der kernigen Oma Urlaub auf dem benachbarten Campingplatz. Weil das Leben dort ungleich aufregender ist, schlüpft Milan, während ihn die Eltern beim Schwimmunterricht wähnen, mit Billigung von Paris regelmäßig durch die Hecke.
Als Mila und ihre Sippe kurz drauf ihre Zelte abbrechen, um zu einem anderen Campingplatz zu fahren, macht sich der Junge aus dem Staub, um ihr zu folgen. Damit verlässt auch der Film das Luxusdomizil, denn mit Hilfe der App "Wo ist mein Handy?" nehmen Andi und Marion die Verfolgung auf, was erst zu einem vermeidbaren Unfall mit Andis schnittigem Sportwagen und dann zu allerlei Missgeschicken führt.
Auf dem zweiten Campingplatz lässt Golafsha, der zuletzt die fröhliche Junggesellinnenkomödie "JGA" (2022) gedreht hat, die Kulturen aufeinanderprallen: Milas Vater lädt Milans Eltern ein, die Nacht in seinem Zweitzelt zu verbringen. Camping stellt gerade für Marion, die im Restaurant erst mal das Besteck zu desinfizieren pflegt, eine völlig neue Erfahrung dar, aber Andis chronische Rückenschmerzen sind plötzlich wie weggeblasen.
Die Rahmenhandlung mit Paris als Erzähler hätte Golafsha, der auch das Drehbuch geschrieben hat, komplett weglassen können, selbst wenn Milan eine wichtige Lektion von dem Rettungsschwimmer lernt: Wenn du Angst hast, unterzugehen, wirst du auch untergehen. Der Epilog ist ebenfalls überflüssig, weshalb der Film mit knapp zwei Stunden etwas zu ausführlich geraten ist, doch der letzte Akt entschädigt für einige Längen.
Etwas mehr Tempo hätte trotzdem nicht geschadet, aber viele Einfälle sind gut gelungen; auf die Idee, die unmissverständliche Briefbotschaft "Hau ab" in eine Liebeserklärung zu verwandeln, muss man erst mal kommen. Darstellerisch ist "Alles Fifty Fifty" ohnehin sehenswert. Das gilt auch für Aennie Lade als Mila und Ramona Kunze-Libnow als resolute Großmutter, die zwar nur wenige, dafür jedoch umso eindrücklichere Momente hat. Golafsha ist für seine Komödie 2024 als bester Regisseur mit dem Bayerischen Filmpreis ausgezeichnet worden.



