Venezuela nach dem Erdbeben: Viele Hürden für den Wiederaufbau

Venezuela nach dem Erdbeben: Viele Hürden für den Wiederaufbau
Vier Wochen nach dem verheerenden Erdbeben wird das ganze Ausmaß der Katastrophe allmählich sichtbar. Auf knapp 20 Milliarden Dollar werden die Schäden geschätzt. Doch Geld, das für den Wiederaufbau genutzt werden könnte, liegt im Ausland.
25.07.2026
epd
Von Malte Seiwerth (epd)

Berlin, Caracas (epd). Timo Dorsch hat bei seiner Reise nach Venezuela viel Zerstörung gesehen. „Bis heute suchen die Menschen teils mit bloßen Händen nach den Leichen ihrer Liebsten oder persönlichen Habseligkeiten“, erzählt der Südamerika-Referent der Hilfsorganisation medico international. Riesige Gebäude seien bei dem verheerenden Erdbeben eingestürzt, immer wieder rieche man in der Luft den Gestank verwesender Leichen.

Am 24. Juni wurde Venezuela von zwei aufeinanderfolgenden Erdbeben erschüttert. Mehr als 5.400 Menschen sind nach jüngsten offiziellen Angaben gestorben. Täglich komme neue Fälle in die Statistik. Die Weltbank schätzte das Ausmaß der Schäden jüngst auf 19,6 Milliarden US-Dollar.

Handelssanktionen und Isolation

Auch wenn die Trümmer noch lange nicht beseitigt und die Toten nicht geborgen sind, laufen die Planungen für den Wiederaufbau an. Doch dafür fehlt dem international isolierten Land das Geld. Die USA belegten das Land ab 2005 mit Handelssanktionen, um die sozialistische Regierung unter dem 2013 verstorbenen Hugo Chávez zu schwächen. Unter US-Präsident Donald Trump spitzte sich der Konflikt weiter zu - bis der bisherige Staatschef Nicolás Maduro mitsamt seiner Ehefrau Anfang des Jahres vom US-Militär abgesetzt und außer Landes gebracht wurde.

Die amtierende Präsidentin Delcy Rodríguez, die auf Maduro folgte, möchte nun Zugang Geldern, die im Ausland eingefroren sind, um den Wiederaufbau zu finanzieren. Mitte Juli forderte sie, Zugang zum Gold zu erhalten, das derzeit bei der Bank of England eingelagert ist. Dessen Wert wird auf 1,7 bis etwa 3 Milliarden US-Dollar geschätzt. Nach dem Erdbeben lockerten die USA zwar weitgehend die Handelssanktionen, doch die Vermögen blieben eingefroren.

Korruption ist hoch

Der venezolanische Wirtschaftswissenschaftler Manuel Sutherland glaubt nicht, dass die Gelder schnell freigegeben werden. „Dem Regime Geld zu leihen oder zurückgeben, bedeutet es zu verlieren“, sagt Sutherland, der früher selbst als Berater für die venezolanische Regierung tätig war und heute als unabhängiger Forscher arbeitet. Das Niveau der Korruption im Staat sei unheimlich hoch, sagt Sutherland. Bei geringen Löhnen und hohen Lebenshaltungskosten würden sich alle Beamte am Staat bereichern. „Das Regime belohnt Loyalität und lässt im Gegenzug den Raub am Staat zu.“

Dabei wäre dieses Geld unheimlich nötig, sagt Dorsch von medico international. Es gehöre der venezolanischen Bevölkerung. Zugleich befürchtet auch der medico-Referent, dass die Gelder durch korrupte staatliche Strukturen verschwinden könnten, ohne am Ziel anzukommen. Um trotzdem Hilfe zu leisten, arbeitet die Hilfsorganisation mit dem lokalen Genossenschaftsverband Cecosesola zusammen, der selbst produzierte Lebensmittel und eingekaufte Medikamente in der Erdbebenregion verteilt.

„Die Menschen sind unter sich sehr solidarisch“, sagt Dorsch. Aber die Energie sei irgendwann weg. Er spüre weit verbreiteten Frust der Bevölkerung am Krisenmanagement der Regierung.

„Wir haben eine Mega-Stasi“

Zwar versprach Präsidentin Rodríguez mehrmals Hilfe, doch wenig davon kommt an. „Der Regierung geht es vor allem darum, die Hilfe zu kontrollieren“, sagt Sabine Kurtenbach, Lateinamerika-Expertin und Präsidentin des Hamburger Giga-Instituts. Eine Zusammenarbeit mit der Zivilgesellschaft sei für die Regierung nicht vorstellbar, denn diese solle nicht legitimiert und gestärkt werden.

Sutherland ergänzt: Das Einzige, was in Venezuela noch funktioniere, sei der Polizeiapparat. „Wir haben mittlerweile eine Mega-Stasi, die alles kontrolliert.“ Dies habe sich auch nach der US-Militärintervention im Januar nicht geändert. Das Erdbeben habe gezeigt, dass der Staatsapparat kaputt sei, sagt Sutherland.

Zugehen auf Opposition

Nun soll zumindest ein Teil der Opposition eingebunden werden. Mitte Juli kündigte der Präsident der Nationalversammlung, Jorge Rodríguez, Gespräche an. Ziel sei die Wiederherstellung der institutionellen Ordnung des Landes sowie ein friedlicher und demokratischer Übergang durch Wahlen.

Sabine Kurtenbach glaubt wenig an einen Erfolg. „Das Regime wird versuchen, sich weiter durchzumogeln“, sagt die Giga-Präsidentin. Für die eingefrorenen Gelder schlägt sie vor, sie mit klaren Vorgaben und Kontrollmechanismen für den Wiederaufbau freizugeben.