Zu viele Kirchengebäude: Expertin hofft auf Kooperation mit Politik

Zu viele Kirchengebäude: Expertin hofft auf Kooperation mit Politik
Die Mitgliederzahlen in den Kirchen gehen zurück, doch die Kirche steht weiter mitten im Dorf. Angesichts dieser Entwicklung plädiert die evangelische Immobilien-Expertin Heidrun Böttger für Kooperationen zwischen Kirchen und Politik.
15.07.2026
epd
epd-Gespräch: Michael Grau

Hannover (epd). Die kirchliche Immobilien-Expertin Heidrun Böttger hat an die Kommunalpolitiker von Städten und Gemeinden appelliert, über eine gemeinsame Nutzung von Kirchengebäuden nachzudenken. Das könne Chancen für beide Seiten eröffnen, sagte Böttger dem Evangelischen Pressedienst (epd). „Kirchen liegen häufig sehr zentral und prägen das Ortsbild“, betonte die evangelische Oberkirchenrätin: „Das könnte sich die öffentliche Hand zunutze machen.“

Kirchen oder Kapellen müssten nicht zwingend allein für Gottesdienste genutzt werden, sondern könnten auch als öffentliche Treffpunkte oder Gemeinschaftshäuser dienen. Vor allem auf dem Land fehlten solche Treffpunkte oft. Positive Beispiele für Kooperationen zwischen Kirche und Ortsgemeinde gebe es bereits in der Region Hannover, im Harz und in der Lüneburger Heide, sagte Böttger, die im Landeskirchenamt in Hannover das Referat für Baurechtsangelegenheiten und Gebäudemanagement leitet.

Großer Bestand für immer weniger Menschen

Hintergrund der Diskussion ist ein über die Jahre entstandenes Missverhältnis der Mitgliederzahlen zur Zahl der Immobilien in kirchlichem Besitz. Allein die evangelische Landeskirche Hannovers, die größte protestantische Landeskirche in Deutschland, besitzt laut Böttger derzeit 2.014 Sakralgebäude, von denen 70 bis 80 Prozent unter Denkmalschutz stehen.

Doch während die Mitgliederzahlen zurückgingen, bleibe der Gebäudebestand bisher weitgehend unverändert, sagte Böttger. So gebe es zu viele Gebäude für immer weniger Menschen. Dies könne die Kirche auf Dauer nicht bezahlen: „Wir stehen vor einer riesigen Herausforderung, weil sich die Schere immer weiter öffnet.“ Der Bestand müsse langfristig etwa um ein Drittel verringert werden. Böttger sprach von einem „geordneten Sinkflug“.

Emotionale Bindung

Zudem gebe es immer weniger Personal in den Kirchen, sodass ohnehin nicht mehr alle Gebäude im traditionellen Sinne genutzt werden könnten. Gleichzeitig sei mit den Kirchen, Kapellen und Türmen ein hohes Maß an Identität und emotionaler Bindung verbunden sowie eine gesamtgesellschaftliche Verantwortung, betonte die Expertin.

Eingeworbene Drittmittel könnten helfen, neue Perspektiven für Nutzungen zu eröffnen, sagte Böttger. Die öffentliche Hand könne etwa Städtebau-Fördermittel beantragen, zu denen die Kirche keinen Zugang habe. Ein Verkauf von Kirchen sei ebenso denkbar wie Nutzungskonzepte, bei denen das Gebäude im Eigentum der Kirche bleibt. Die Entscheidungshoheit liege dabei dezentral bei den Ortsgemeinden und den regionalen Kirchenkreisen, nicht aber beim Landeskirchenamt.

Umdenken auf beiden Seiten

Für gemeinsame Nutzungskonzepte müssten beide Seiten umdenken, sagte Böttger. Manche Kommunalpolitiker müssten Vorbehalte gegen Kooperationen mit der Kirche abbauen. Auf der anderen Seite müssten die Kirchengemeinden von einem „Kirchturmdenken“ abrücken: „Manchmal entwickeln sich besonders gute Ideen, wenn sie auch mal nach links oder rechts schauen.“