Anwalt: Täternetzwerke in der Kirche erforschen

Anwalt: Täternetzwerke in der Kirche erforschen
Als Gutachter hat der Münchner Rechtsanwalt Ulrich Wastl die Aufarbeitung in einigen katholischen Bistümern vorangebracht. Nun fordert er ein besseres Bewusstsein für Täternetzwerke.

Oberursel (epd). Die Erforschung von Täternetzwerken in der katholischen Kirche ist für den Münchner Rechtsanwalt und Gutachter Ulrich Wastl entscheidend für die Prävention von sexualisierter Gewalt. „Für die Prävention ist es so wichtig, dass wir Täternetzwerke erkennen und uns mit Täterstrategien beschäftigen“, sagte der Jurist der Zeitschrift „Publik-Forum“ (Freitag). Wastl hat mehrere Missbrauchsgutachten für deutsche und ausländische Diözesen erstellt und war Mitbegründer der Münchner Kanzlei Westpfahl Spilker Wastl, die 2022 ein Missbrauchsgutachten für das Erzbistum München vorgestellt hatte.

Wastl sagte, man müsse sich „von der Vorstellung verabschieden, dass die Kirche außerhalb der Gesellschaft lebt“. „Es ist zu erwarten, dass die Netzwerke von pädosexuellen Priestern auch Verbindungen haben zu Kriminellen außerhalb der Kirche.“

Graues Feld der Mitwisser verstehen

Er plädierte zudem für eine klare Verantwortungsübernahme. „Wir müssen wegkommen davon, dass am Ende des Tages keiner schuld ist.“ Es gebe das Modell einer umgedrehten Pyramide: „Ich habe oben ein weißes Feld, die wissen von nichts, und ganz unten sind die Täter, dazwischen gibt es aber ein graues Feld.“ Dieses Modell gelte es, gesamtgesellschaftlich zu verstehen.

Viele Betroffene hätten zwar mit dem Täter abgeschlossen, aber sie wollten verstehen, wie die Taten in der Gesellschaft oder in einer Organisation überhaupt passieren konnten, gerade wenn Mitwisser bis heute Schuld von sich wiesen. „Das ist der graue Bereich, der die Taten mit ermöglicht hat. Und bei Täternetzwerken ist die konstitutive Rolle der anderen für den Missbrauch besonders dramatisch“, sagte Wastl.