Mittagszeit in einer evangelischen Kita in Leverkusen-Manfort, die Kinder sammeln sich zum Essen. Eine wuselige Szene, die sich so jeden Tag tausendfach in Deutschlands Kitas abspielt. Doch etwas ist ungewöhnlich. Die Sonne fällt durch Buntglasfenster auf die kleinen Tische, ein großes Kreuz hängt an der Backsteinmauer und über den Köpfen spannt sich eine durchsichtige Folie, durch die man die hohe Balkenkonstruktion des Daches erkennen kann: Die Kita ist in der ehemaligen Johanneskirche untergebracht und trägt ihren Namen.
2017 erging es der evangelischen Manforter Kirchengemeinde so wie vielen Kirchengemeinden in Deutschland. Sinkende Mitgliederzahlen, steigende Unterhaltskosten und Personalengpässe führten zur Entscheidung, die Gemeinden Manfort und Wiesdorf zur Gemeinde Leverkusen-Mitte zusammenzuschließen. Die Johanneskirche wurde entwidmet, wie es heißt, also aus der kirchlichen Nutzung genommen.
Vor dem letzten Gottesdienst im Advent 2020 suchte der Kirchenkreis nach Möglichkeiten der Nachnutzung. Da in einem Gebäudeteil, der an die Kirche angrenzte, bereits eine kleine Kita betrieben wurde, bot sich eine Erweiterung in den Kirchenraum an. Doch der Denkmalschutz stellte das Projekt vor zahlreiche Herausforderungen: Die evangelische Johanneskirche wurde von 1953 bis 1954 als sogenannte Notkirche nach dem Zweiten Weltkrieg erbaut. Sie steht seit 1995 unter Denkmalschutz.
Das nordrhein-westfälische Denkmalschutzgesetz schreibt vor, dass Baudenkmäler möglichst entsprechend ihrer ursprünglichen Zweckbestimmung genutzt werden sollen. Ein Kulturraum sei daher als Nachnutzung für eine Kirche eher möglich als beispielsweise ein Wohnheim, für das das Gebäude grundlegend umgebaut werden müsse, erklärt Birgit Parakening-Bozurt vom LVR-Amt für Denkmalpflege im Rheinland. "Ganz wesentlich ist es deshalb, dass in jedem Einzelfall genau hingeschaut wird, was das Besondere, das individuell Prägende ausmacht."
Für die Johanneskirche beutete dies, dass das Erscheinungsbild mit den typischen Holzbalken, der Kanzel, den Türen und Fenstern erhalten bleiben musste. Nadja Georgi, Geschäftsführerin des Evangelischen Kita-Verbandes im Kirchenkreis Leverkusen, hatte gleichzeitig mit den hohen baulichen Auflagen an eine Kita zu kämpfen: "Wie können wir die Kita beheizen? Wie können wir den Brandschutz sicherstellen? Bekommen wir überhaupt eine Betriebserlaubnis?" Gemeinsam mit einem Düsseldorfer Architekturbüro und der Stadt ging es in die Planung. Und die zog sich über Jahre hin.
Ein ähnliches Szenario erlebt gerade die evangelische Gemeinde in Meckenheim bei Bonn. Als die dortige Christuskirche entwidmet wurde, wollte die Stadt das Gebäude samt Teilen des umliegenden Geländes kaufen und dort unter anderem auch eine Kita bauen. Der Kaufvertrag stand kurz vor der Unterzeichnung. Dann kam ein Hinweis, dass das Kirchen-Ensemble aus den 1950ern denkmalwürdig sein könnte.
"Durch das daraufhin eingeleitete Verfahren bei der Unteren Denkmalbehörde der Stadt Meckenheim und einen Hinweis auf eine mögliche Altlast auf dem unbebauten Gelände kamen Zweifel an der Wirtschaftlichkeit und der weiteren sinnvollen Verwertbarkeit der Immobilie für städtische Zwecke auf", heißt es in einer Stellungnahme der Stadt. Für die Kirchengemeinde ein schwerer Schlag. "Für uns ist der drohende Denkmalschutz ein Problem. Wir können das Gebäude finanziell nicht weiter unterhalten und finden so schwerer potenzielle Käuferinnen und Käufer", sagt Guido Schmidt, der den ganzen Prozess vonseiten der Gemeinde begleitet. Zudem sei das Verfahren zur Denkmalschutzfeststellung immer noch schwebend.
Täglich läutet die Kirchenglocke
Gudrun Gotthardt, leitende Landeskirchenbaudirektorin der Evangelischen Kirche im Rheinland (EKiR) berät in solchen Fällen. Und von denen könnte es bald noch viel mehr geben, sagt sie: "Die Gemeinden der EKiR sollen alle bis Ende 2027 prüfen, welche Gebäude wir uns auf mittlere bis lange Sicht überhaupt noch leisten können." Gotthard rechnet damit, dass zwischen 30 und 50 Prozent der Gebäude aus der kirchlichen Nutzung fallen könnten. Auch andere Landeskirchen überprüfen derzeit ihren Gebäudebestand systematisch.
Im Auftrag des Deutschen Nationalkomitees für Denkmalschutz hat Gotthardt gemeinsam mit anderen Experten und Expertinnen aus Kirche, Staat und Kommunen einen Appell verfasst: Gemeinsam müsse nach konstruktiven Lösungen bei der Nachnutzung von denkmalgeschützten Kirchengebäuden gesucht werden. "Wir müssen jetzt wirklich darauf aufmerksam machen, dass der Erhalt von Kirchengebäuden als baukulturelles Erbe eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe darstellt", betont Gotthardt. Dies erfordere eine grundsätzliche Offenheit und Kompromissbereitschaft aller Beteiligten.
Dass das gelingen kann, zeigt die Kita-Johanneskirche in Leverkusen-Manfort. Denn die jahrelange Planung brachte Lösungen. Für das Raumklima wurde eine zweilagige, luftgestützte Folie eingezogen. Die Kita-Gruppen befinden sich in kleinen, eingebauten Einheiten darunter. "Das alles klappt nur, weil wir von der Umsetzung überzeugt waren und Experten für Denkmalschutz und kreative Baulösungen an unserer Seite hatten", sagt Nadja Georgi. Das habe Vertrauen geschaffen.
Der Ort ist auch nach dem tränenreichen Abschied der Gemeinde als Kirche erlebbar geblieben. Einmal im Jahr wird dort der Johannestag der Gemeinde gefeiert. Auch der Glockenturm ist noch im Einsatz. Jeden Tag um 12 Uhr läutet die Glocke: Ein Lebenszeichen der Kirche - und für die Kita-Kinder der Hinweis, dass es gleich Mittagessen gibt.




