TV-Tipp: "Ingeborg Bachmann: 100 Jahre Ingeborg Bachmann"

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24. Juni, Arte, 23.00 Uhr
TV-Tipp: "Ingeborg Bachmann: 100 Jahre Ingeborg Bachmann"
Regisseurin Barbara Frank ist Österreicherin hat sich vor drei Jahren schon einmal mit ihrer 1973 verstorbenen Landsmännin befasst. "Vom Unerhörten im Alltäglichen" (3sat) ging unter anderem der Frage nach, ob sich die Situation für Frauen im Literaturbetrieb verändert hat.

Die Bezeichnung "Diva" hätte Ingeborg Bachmann, die in den Aufnahmen ihrer öffentlichen Auftritte selbstbewusst, aber auch bodenständig und bescheiden wirkt, vermutlich von sich gewiesen. Das Etikett passt daher im Grunde nicht zu dem Ansatz, mit dem sich Barbara Frank der bedeutendsten deutschsprachigen Nachkriegsschriftstellerin nähert, selbst wenn die Regisseurin mit einem ihrer ersten Sätze das Vorzeichen des Films formuliert: "Wie erzählt man die Lebensgeschichte einer Diva der Dichtkunst?"

Die eigentliche Herausforderung einer solchen Dokumentation ist ohnehin eine andere. Sendungen über Persönlichkeiten aus der Welt der Musik oder des Kinos sind gestalterisch bedeutend einfacher, weil man mit Ausschnitten aus Konzerten und Filmen oder Aufnahmen von Proben und Dreharbeiten arbeiten kann. Frank blieb daher nichts anderes übrig, als ihre Annäherung an die Autorin im gängigen Doku-Stil zu gestalten: mit Archivmaterial und Interviews. Der einfallslose Titel "Ingeborg Bachmann: 100 Jahre Ingeborg Bachmann" passt dazu.

Dass das von Arte anlässlich des morgigen Geburtstags ausgestrahlte Porträt dennoch sehenswert ist, liegt nicht zuletzt am heutigen Blick, den die Regisseurin auf Bachmann wirft; und am subjektiven Ansatz. Die Österreicherin hat sich vor drei Jahren schon einmal mit ihrer 1973 verstorbenen Landsmännin befasst. "Vom Unerhörten im Alltäglichen" (3sat) ging unter anderem der Frage nach, ob sich die Situation für Frauen im Literaturbetrieb verändert hat. Die von Männern dominierte Literaturkritik hatte der Schriftstellerin nie verziehen, dass sie sich von der Lyrik abgewandt hat.

Das ganze Ausmaß dieser Hybris verdeutlicht Frank mit einem Talkshow-Ausschnitt: Nach dem Suizid von Paul Celan, dem Bachmann sehr nahestand, erklärte Marcel Reich-Ranicki, er habe seine Rezension ihres Romans "Malina" (1971) nicht veröffentlicht, weil er nicht an einem weiteren Selbstmord schuld sein wollte. 

Der neue Film lebt vor allem von den sehr persönlichen Aussagen. Verschiedene Literaturwissenschaftlerinnen betonen Bachmanns Bedeutung als eine der wichtigsten Autorinnen des zwanzigsten Jahrhunderts, aber für die berührendsten Momente sorgen ihr Bruder Heinz sowie Peter Handke. Der 2019 mit dem Nobelpreis geehrte Schriftsteller (Jahrgang 1942), wie Bachmann ein gebürtiger Kärntener, hatte die Kollegin 1968 als junger Mann kennengelernt.

Er war auf Anhieb fasziniert, ihr Tod hat ihn entsprechend bestürzt. In den bis heute nicht restlos geklärten Umständen – offenbar ist sie mit einer brennenden Zigarette in der Hand eingeschlafen – hat Frank eine Antwort auf ihre Eingangsfrage gefunden, wie sie das Porträt konzipieren könnte: weil sich Bachmanns Leben "erst durch ihren Tod in ein Schicksal verwandelt hat." Retrospektiv offenbare sich Bachmanns Werdegang als "die Geschichte des Scheiterns einer Frau". Dann fügt sie hinzu: "aller Frauen."

Diese Prämisse führt geradewegs zu der Erkenntnis, warum Bachmanns Werk heute so aktuell ist wie damals. Sie hätte sich nicht als Feministin bezeichnet, hat den Feminismus aber erheblich beeinflusst. Außerdem hat sie vielen Frauen spätestens mit ihrem ersten stark autobiografisch gefärbten Roman "Malina" eine Stimme gegeben, und natürlich befasst sich Frank auch mit den unglücklichen Liebesbeziehungen, vor allem mit der aus heutiger Sicht toxischen Liaison mit Max Frisch. Ein weiteres wichtiges Thema ihres Porträts ist der Krieg. Was von außen betrachtet scheinbar nicht zusammengehört, entpuppt sich als zweite Seite derselben Medaille.

Ganz im Sinn der 68er-Maxime, dass das Private politisch sei, betrachtete die Schriftstellerin Gewalt innerhalb einer Beziehung, plakativ formuliert, als Keimzelle des Faschismus’. Sie verrät uns daher, resümiert Frank, "mehr über uns, als uns lieb sein kann: dass der Krieg niemals zu Ende ist". Damit ist womöglich auch der Krieg zwischen den Geschlechtern gemeint, zumindest erwähnt Frank die Namen Epstein und Pelicot und verweist auf die Situation der Frauen in Iran und Afghanistan. 

Trotzdem gelingt ihr ein positiver Schluss: Bachmann zeige auch, "dass unsere Kraft weiter reicht als unser Unglück." Viel zu kurz kommt dagegen eine aufregende Entdeckung: Bachmann selbst hat ihr 1957 entstandenes Hörspiel "Der gute Gott von Manhattan" einst als Drehbuch adaptiert, Egon Monk sollte es inszenieren. Das Projekt wurde nie realisiert, das Manuskript galt als verschollen, Frank hat es gefunden. Seltsamerweise geht sie gar nicht näher darauf ein, aber vielleicht wird es ja der Ausgangspunkt eines weiteren Bachmann-Films.