Hannover (epd). Mit den sich verschärfenden Kriegen und Konflikten in der Welt nimmt nach Beobachtungen der Psychologin Amira Sultan auch der psychische Druck auf geflüchtete Menschen in Deutschland zu. Die Psychotherapeutin leitet in Hannover eines von sieben psychosozialen Zentren des Netzwerks für traumatisierte Flüchtlinge in Niedersachsen. In ihrer offenen Sprechstunde beobachte sie unmittelbar die Reaktionen, etwa nach den US-Angriffen auf den Iran. „Wir erwarten dann schon, dass mehr Farsi, also persischsprachige Personen wiederkommen“, sagte Sultan.
Zudem sorge die Verschärfung des deutschen Asylrechts für Verunsicherung - selbst bei geflüchteten Personen, die über eine Aufenthaltserlaubnis oder sogar Niederlassungserlaubnis verfügen, rechtlich also nicht direkt von den Verschärfungen betroffen sind. Eine Einordnung, ob sie selbst von diesen Verschärfungen betroffen ist, falle vielen schwer, aufgrund von Sprachbarrieren oder fehlendem Verständnis von Gesetzestexten. Das sorge bei den ohnehin traumatisierten Menschen für Ängste, etwa vor Abschiebung.
Zentren können nur einem Bruchteil helfen
Insgesamt haben die psychosozialen Zentren in Niedersachsen im vergangenen Jahr laut ihren Angaben mehr als 3.000 Menschen betreut. In ganz Deutschland gibt es laut dem Bundesverband Psychosozialer Zentren 51 dieser Einrichtungen, die zumeist finanziert aus öffentlichen Geldern kostenlose Hilfen anbieten. Doch laut dem Verband decken sie nur einen Bruchteil des Bedarfs ab.
Flüchtlinge seien bereits jetzt in diesem Bereich stark benachteiligt. Für den Aufenthalt in einer psychiatrischen Klinik oder eine ambulante Psychotherapie würden zunächst einmal keine Kosten übernommen, erläuterte Sultan. Gleiches gelte für die Kosten von Dolmetschern. „Was laut Asylbewerberleistungsgesetz übernommen wird, ist nur die Akutversorgung.“ Wer etwa Suizidgedanken habe sei, werde nach wenigen Tagen auf einer geschlossenen Station wieder entlassen. Eine anschließende Therapie werde nicht finanziert.
Erneut traumatisierende Erfahrungen
Die Menschen in ihrer Beratung litten unter posttraumatischer Belastung, Depressionen, Sucht oder Psychosen. Symptome seien unter anderem Schlafstörungen oder eine nicht endende innere Unruhe, sagte die Therapeutin. In Deutschland kämen für viele erneut traumatisierende Erfahrungen hinzu, etwa durch Konflikte in den Gemeinschaftsunterkünften. Das gesellschaftliche Klima sorge dafür, dass sich Menschen nicht willkommen fühlten. „Es ist ganz häufig so, dass die Menschen das Gefühl haben, sie dürfen hier gar nicht ankommen.“



