Soziologe Selke: Effizienz ist auf Dauer keine menschliche Lebensform

Soziologe Selke: Effizienz ist auf Dauer keine menschliche Lebensform
Wer sein Leben mithilfe digitaler Geräte fortwährend in Zahlen misst, sollte das aus Sicht des Soziologen Stefan Selke hinterfragen.

München (epd). Der Soziologe Stefan Selke blickt kritisch auf Trends zur Vermessung des eigenen Lebens mittels digitaler Geräte. „Jede Form freiwilliger Selbstvermessung läuft am Ende auf Effizienz hinaus: effizientere Ernährung, effizienterer Schlaf, effizienterer Sex“, sagte Selke der „Süddeutschen Zeitung“ (Donnerstag). Doch der Effizienzgedanke sei uferlos.

„Ein Optimum kann immer gesteigert werden“, sagte der Wissenschaftler und nannte als Beispiel die weitverbreitete Empfehlung, täglich 10.000 Schritte zu machen. „Dann kommt der Nächste, der sagt: Lauft täglich 12.000 oder 15.000 Schritte“, gab Selke zu bedenken. Doch Effizienz sei keine dauerhafte Lebensform für Menschen.

Zahlen hätten eine „wahnsinnige Aura der Objektivität“, der man sich nur schwer entziehen könne. „Wir glauben in einem fast religiösen Sinne daran, dass man die Dinge nur verbessern kann, wenn man sie in Zahlen ausdrückt“, sagte der Professor für „Gesellschaftlichen Wandel“ an der Hochschule Furtwangen.

„Sehnsucht nach Selbstwirksamkeit“

Die Lust am Selbstracking führt der Soziologe zum einen auf einfach zu bedienende und günstige Geräte wie Smartwatches zurück. „Durch sie wurde es viel leichter, sich mit anderen zu vergleichen“, sagte er.

Zudem würden die Menschen intuitiv spüren, dass sie die Welt um sich herum nicht mehr beherrschen können. „Viele schauen nur noch staunend zu, was geschieht, und haben gleichzeitig eine starke Sehnsucht nach Selbstwirksamkeit“, sagte Selke. Der eigene Körper sei dann eine „letzte Maßstabsebene der Beherrschbarkeit“.