Soziologe: Armutsbericht erzeugt falsches Bild

Soziologe: Armutsbericht erzeugt falsches Bild
Der Armutsbericht des Paritätischen Wohlfahrtsverbands verzerrt nach den Worten des Frankfurter Soziologen Markus Gangl das Bild von der sozialen Lage in Deutschland. Die Katastrophenstimmung sei nicht angebracht.
10.06.2026
epd
epd-Gespräch: Jens Bayer-Gimm

Frankfurt a.M. (epd). Der Frankfurter Soziologe Markus Gangl hat die Aufbereitung der Fakten im Armutsbericht des Paritätischen kritisiert. Die Darstellung, die Armutsquote habe im vergangenen Jahr einen Höchststand seit 2020 erreicht, und in keinem der vergangenen Jahre seien so viele Menschen von Armut betroffen gewesen, sei tendenziös, sagte der Spezialist für Sozialstruktur und Sozialpolitik an der Goethe-Universität dem Evangelischen Pressedienst (epd). Die Armutsgefährdungsquote habe nach derselben Datenquelle auch 2020 schon 16,1 Prozent der Bevölkerung erfasst, ebenso in mehreren Jahren des vergangenen Jahrzehnts. „Die Katastrophenstimmung im Bericht des Paritätischen ist völlig unangebracht.“

Zudem sei die Gleichsetzung der Armutsgefährdungsquote mit Armut problematisch, erklärte Gangl. Die Quote erfasse alle Einkommen mit weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens und damit ganz unterschiedliche Personengruppen und Lebenslagen. So schließe sie sehr viele Studierende ein, die nicht pauschal als arm bezeichnet werden könnten. Zudem berücksichtige die Quote nur das aktuelle Einkommen, nicht aber andere Faktoren wie Wohneigentum oder den Zugang zu Dienstleistungen. Schließlich sei die Quote ein relativer Wert, der auf einem bestimmten Verhältnis zum mittleren Einkommen beruhe. Wenn es der breiten Mitte der Gesellschaft besser gehe, steige diese Einkommensschwelle automatisch an und damit auch die Quote.

Während Pandemie ging es der Mitte der Gesellschaft schlechter

In den Corona-Jahren sei die Armutsgefährdungsquote auf bis zu 14,4 Prozent der Bevölkerung gesunken - aber nicht, weil es weniger Arme gegeben hätte, sondern weil es der Mitte der Gesellschaft schlechter gegangen sei, erklärte der Soziologe. Der Anstieg der Quote auf 16,1 Prozent im vergangenen Jahr auf dasselbe Niveau wie vor der Pandemie 2020 sei kein Ausdruck einer zunehmenden Verarmung, sondern einer Verbesserung der gesellschaftlichen Mitte aufgrund der gestiegenen Löhne. „Die Verkürzung des Paritätischen ist politisch schädlich, weil sie der Öffentlichkeit falsche Ursachenzuschreibungen suggeriert und den falschen Eindruck erweckt, die Politik sei untätig.“

Tatsächlich hätten Maßnahmen wie der Kinderzuschlag für Familien mit geringem Einkommen, die Einführung des Mindestlohns oder der Wegfall der Unterhaltspflicht der meisten Kinder für pflegebedürftige Eltern die Einkommenssituation verbessert. Die Armutsgefährdungsquote von Erwerbstätigen sei zwischen 2020 und 2025 nach den Zahlen des Paritätischen Armutsberichts von 8,6 Prozent auf 6,8 Prozent gesunken - diese Zahlen führe der Paritätische aber nicht aus. „Erwerbstätigkeit ist der beste Schutz vor Armut“, sagte Gangl.

Armut in reicher Gesellschaft „eine Schande“

Die Armutsgefährdungsquote sei ein sinnvolles Signal, um auf das Problem niedriger Einkommenslagen aufmerksam zu machen, resümierte der Soziologe. „Armut in einer reichen Gesellschaft ist eine Schande.“ Aber die betroffenen Menschen dürften nicht einfach mit Armen gleichgesetzt werden. Das Niveau der Grundsicherung liege darunter bei ungefähr 50 Prozent des mittleren Einkommens und damit unter der Schwelle der Armutsgefährdung. „Es gibt keine wissenschaftlich eindeutige Definition von Armut. Es ist eine politische Entscheidung der Gesellschaft, wie hoch das Grundeinkommen sein soll.“