Kita-Verband: Kürzungen widersprechen wachsendem Unterstützungsbedarf

Kita-Verband: Kürzungen widersprechen wachsendem Unterstützungsbedarf
Eine Arbeitsgruppe von Bund, Ländern und Kommunen schlägt vor, durch mehr Selbstverantwortung der Familien in den Kitas Kosten einzusparen. Kein guter Plan, meint der scheidende Chef des diakonischen Fachverbandes in Deutschland, Carsten Schlepper.
10.06.2026
epd
epd-Gespräch: Dieter Sell

Bremen, Berlin (epd). Der Bremer Kita-Experte Carsten Schlepper (65) hat vor Kürzungen in den Kindertagesstätten bei der Unterstützung von Familien gewarnt. „Das ist aus meiner Sicht ein Rückschritt und kein Schritt zu mehr Selbstverantwortung, weil es insbesondere Familien in prekären Lebenslagen das wegnimmt, was sie besonders benötigen“, sagte der scheidende Vorsitzende der Bundesvereinigung Evangelischer Tageseinrichtungen für Kinder am Mittwoch dem Evangelischen Pressedienst (epd).

Laut einem Arbeitspapier von Bund, Ländern und kommunalen Spitzenverbänden soll in der Kinder- und Jugendhilfe sowie der Eingliederungshilfe massiv gekürzt werden. Mit Blick auf den Kita-Bereich wird unter anderem vorgeschlagen, Standards bezogen auf Betreuungsumfang und Personalschlüssel in den Kitas zu prüfen.

Alleinerziehende besonders betroffen

Wörtlich ist die Rede von einem „Schritt zu mehr Selbstverantwortung in den Familien“. Schlepper sagte dazu dem epd am Rande der Frühjahrs-Mitgliederversammlung der Bundesvereinigung in Bremen, das würde unter anderem Alleinerziehende treffen, die auf die Unterstützung der Kitas angewiesen seien, um ihren Alltag zu bewältigen.

„Wenn sich die Kinder gut qualifizieren sollen durch Schule und später durch Berufsausbildung, dann brauchen sie von klein auf einen guten Start“, führte Schlepper aus, der auch den Landesverband Evangelischer Tageseinrichtungen für Kinder in Bremen leitet. „Das muss nicht unbedingt das achtstündige Angebot am Tag sein. Da reichen auch vier oder fünf Stunden. Aber die müssen es auf jeden Fall sein. Mindestens ab dem dritten Lebensjahr sollte jedes Kind diese Gelegenheit haben.“

Unterstützungsbedarf gewachsen

Der Unterstützungsbedarf der Familien ist Schlepper zufolge in den zurückliegenden Jahren massiv gewachsen. So seien die Kinder in ihrer Herkunft und in dem, was sie mitbringen, vielfältiger als früher. „Das hat eine Menge mit kultureller Unterschiedlichkeit zu tun. Das ist bereichernd, bringt aber auch Probleme.“

Schlepper nannte zwei Beispiele: „So schaffen es viele Kinder nicht, wenn sie neu in unseren Einrichtungen sind, im Stuhlkreis zusammenzukommen und dort mal zehn Minuten zu sitzen, zuzuhören oder etwas gemeinsam zu machen. Auch das gemeinsame Essen am Tisch kennen viele Kinder nicht. Das haben sie in ihrem Alltag zu Hause einfach noch nicht erlebt.“

Die Bundesvereinigung Evangelischer Tageseinrichtungen für Kinder zählt mit 9.100 Einrichtungen, mehr als 115.000 Mitarbeitenden und etwa 585.000 Plätzen für Kinder zwischen 0 und 12 Jahren zu den größten Kita-Trägern in Deutschland. Schlepper hatte seit 2017 den Vorsitz inne, kandidierte für dieses Amt in Bremen aber nicht mehr, weil er Ende des Jahres in den Ruhestand geht. Im November will der diakonische Fachverband den Angaben zufolge eine Nachfolge wählen.