Soziologin: Soziale Sicherheit fördert Zusammenhalt

Soziologin: Soziale Sicherheit fördert Zusammenhalt
Seit 2020 erforscht die Soziologin Natalie Grimm, wie Menschen aus unterschiedlichen sozialen Milieus den gesellschaftlichen Zusammenhalt erleben. Die Studie zeigt viel Verunsicherung, verrät aber auch, welche Erfahrungen Solidarität stärken.
03.06.2026
epd
epd-Gespräch: Annette Baimler-Dietz

Göttingen (epd). Das Gefühl vieler Menschen, von der Politik nicht hinreichend gehört zu werden, stellt nach Ansicht der Göttinger Soziologin Natalie Grimm eine Gefahr für das gesellschaftliche Miteinander dar. „Zusammenhalt wächst nicht durch moralische Appelle, sondern durch Erfahrungen von sozialer Sicherheit und Begegnungen unterschiedlicher Milieus“, sagte die Forscherin des bundesweit an elf Standorten tätigen Forschungsinstituts Gesellschaftlicher Zusammenhalt (FGZ) dem Evangelischen Pressedienst (epd).

Fördern lasse sich gesellschaftliche Solidarität durch Vereinsleben, Ehrenamt, Kirche und milieuübergreifende Kontakte, betonte Grimm. Um das zu ermöglichen, brauche es nichtkommerzielle Begegnungsorte wie Bibliotheken, Stadtteilzentren oder Jugendhäuser sowie Investitionen in Mobilität, etwa durch günstige Nahverkehrstickets.

Menschen erwarten handlungsfähigen Staat

Die Menschen bräuchten zudem das Gefühl, dass politische Institutionen gerecht und handlungsfähig seien: „Wenn immer signalisiert wird, dass nicht genug für alle da ist, dann ist sich irgendwann jeder selbst der Nächste.“

Grimm leitet seit Beginn der Corona-Pandemie 2020 eine qualitative Langzeitstudie mit 90 Menschen unterschiedlicher Herkünfte, Milieus und Berufsgruppen. Das Forschungsteam besucht die Teilnehmenden regelmäßig zu Hause und führt ausführliche Interviews. Dabei habe sich gezeigt, dass die Verunsicherung durch Pandemie, Kriege, Inflation und politische Polarisierung gewachsen sei - allerdings je nach Milieu verschieden stark.

Krisenstimmung und Armut führen zu existenzieller Bedrohung

So sorgten sich Angehörige der Mittelschicht zwar um die Zukunft und verzichteten auf größere Ausgaben oder Urlaube, führte Grimm aus. Wer jedoch ohnehin prekär lebe, empfinde die gegenwärtigen Krisen als existenziell. „Da geht es um echten Verzicht und etwa um die Frage: Wie halte ich meine Wohnung?“, sagte Grimm.

Zugleich nehme die Leistungsideologie zu. „Ich habe mich angestrengt für das, was ich habe, also sollen die anderen sich auch anstrengen müssen“, sei eine gängige Aussage, erklärte Grimm. Auffällig sei, dass Menschen, die Krisen mithilfe von Familie, Gemeinschaft oder Sozialstaat bewältigt hätten, oft hilfsbereiter seien als Menschen, die sich im Stich gelassen fühlen. Solidarität sei allerdings kein Selbstläufer, betonte Grimm. Wenn Erfahrungen seltener würden, im Notfall Unterstützung zu erhalten, könne auch die Bereitschaft schwinden, mit Mitmenschen solidarisch zu sein.