Rekord bei Beratungsanfragen wegen Diskriminierung

Rekord bei Beratungsanfragen wegen Diskriminierung
Immer mehr Menschen wenden sich mit Beratungsbedarf an die Antidiskriminierungsstelle des Bundes. Deren Leiterin Ferda Ataman beklagt mangelnde politische Aufmerksamkeit für das Thema.
02.06.2026
epd
Von Christina Neuhaus (epd)

Berlin (epd). Die Zahl der Beratungsanfragen bei der Antidiskriminierungsstelle des Bundes hat einen neuen Höchststand erreicht. 2025 meldeten sich Menschen wegen insgesamt 13.067 Fällen von ungerechtfertigter Benachteiligung, wie aus dem Jahresbericht der Antidiskriminierungsstelle hervorgeht, der am Dienstag in Berlin vorgestellt wurde. In den vergangenen Jahren stieg die Zahl immer weiter an, zuletzt um 15 Prozent. Die Leiterin der Stelle, Ferda Ataman, warf der Regierung vor, die Entwicklung zu ignorieren.

Mit Abstand am häufigsten wurden der Antidiskriminierungsstelle rassistisch motivierte Benachteiligungen gemeldet - diese machten 43 Prozent der Fälle aus. Es folgten Diskriminierungen wegen einer Behinderung oder einer chronischen Krankheit (28 Prozent) und Benachteiligung aufgrund des Geschlechts (22 Prozent). Besonders oft spielten sich die beschriebenen Fälle auf dem Arbeitsmarkt ab (28 Prozent), gefolgt von sogenannten Alltagsgeschäften, etwa dem Gang in den Supermarkt (15 Prozent). Die Antidiskriminierungsstelle berät und unterstützt Betroffene, kann aber keine rechtlichen Schritte einleiten.

Statistik nur „Spitze des Eisbergs“

In den vergangenen fünf Jahren habe sich die Gesamtzahl der Beratungsfälle nahezu verdoppelt, sagte die unabhängige Antidiskriminierungsbeauftragte Ataman. „Das sind keine Einzelfälle“, die Entwicklung dürfe nicht kleingeredet werden. Ohnehin zeige die Statistik „nur die Spitze des Eisbergs“, betonte Ataman. „Die meisten Menschen machen Diskriminierung mit sich alleine aus.“

Als Grund für die Zunahme der Beratungsfälle vermutet Ataman zum einen eine wachsende Bekanntheit des Themas. Zum anderen geht sie von einem gestiegenen Leidensdruck aus: Diskriminierung passiere offener als früher und nicht mehr „hinter vorgehaltener Hand“, sagte Ataman.

Dieser Einschätzung schloss sich die Geschäftsführerin des Antidiskriminierungsverbandes Deutschland, Eva Andrades, an. In dem Verband sind zivilgesellschaftliche Beratungsstellen organisiert. Die Qualität von Diskriminierung ändere sich, sie trete „sehr viel heftiger und offener“ zutage, sagte Andrades. Die steigenden Fallzahlen machten sich bei den Verbandsmitgliedern bemerkbar, einige Beratungsstellen könnten bereits keine neuen Anfragen mehr annehmen.

Ataman „frustriert“ über Untätigkeit der Politik

Ataman beschuldigte die Politik vor, das Thema nicht ernst zu nehmen. Sie verwies unter anderem auf die geplante Reform des im Diskriminierungsrecht maßgeblichen Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes (AGG), die vom Bundeskabinett beschlossen wurde. Dieser Entwurf werde dem Reformbedarf „nicht mal ansatzweise gerecht“, urteilte Ataman. „Das ist bitter.“

Sie habe den Eindruck, dass Teile der Regierungskoalition „den Puls der Zeit und auch die Bedürfnisse der Menschen an der Stelle nicht sehen oder übergehen“, sagte die Beauftragte. Die Politik reagiere seit Jahren gleichgültig auf die Erkenntnisse der Antidiskriminierungsstelle - „ehrlich gesagt bin ich frustriert darüber“.