Berlin (epd). Rund 1,5 Millionen Menschen werden von den mehr als 980 Tafeln in Deutschland jede Woche mit Lebensmitteln versorgt, die nicht mehr verkauft werden können. 265.000 Tonnen sind das jedes Jahr. Andreas Steppuhn, Vorstandsvorsitzender von Tafel Deutschland e.V., spricht über die Schere zwischen Arm und Reich und über regionale Unterschiede.
epd: Inwiefern sind die Tafeln ein Gradmesser dafür, dass die Schere zwischen Arm und Reich in Deutschland sich weiter öffnet?
Andreas Steppuhn: Die Tafeln erleben diese Schere jeden Tag. Steigende Mieten, Sprit- und Lebensmittelpreise treffen Menschen mit geringen Einkommen besonders hart. Viele haben kaum finanzielle Rücklagen, um solche zusätzlichen Belastungen aufzufangen. Wenn Löhne, Renten oder Sozialleistungen mit den Lebenshaltungskosten nicht Schritt halten, suchen mehr Menschen Unterstützung bei den Tafeln. Daran wird sichtbar, dass die Zahl der Menschen, die finanziell unter Druck geraten, wächst. Aktuell nutzen 1,5 Millionen Menschen die Angebote der Tafeln. Gleichzeitig wächst auch das Tafel-Netzwerk kontinuierlich, sodass es mittlerweile bundesweit mehr als 980 Tafeln gibt.
Tafeln wollen nicht als selbstverständlich angesehen werden
epd: Die Tafeln sind längst fester Bestandteil des Sozialsystems. Ist das gut oder schlecht?
Steppuhn: Die starke Verankerung der Tafeln im sozialen Gefüge Deutschlands ist vor allem ein Hinweis darauf, wie groß der Bedarf an Unterstützung ist. Wir sind sehr dankbar für das enorme Engagement unserer 77.000 Tafel-Aktiven, das diese Unterstützung überhaupt möglich macht. Problematisch wird es für uns, wenn Tafeln als selbstverständlich angesehen werden. Sie sind ein freiwilliges Angebot und leisten einen wichtigen Beitrag gegen Lebensmittelverschwendung und Armut. Die Tafeln können und wollen den Staat jedoch nicht aus seiner Verantwortung entlassen, armutsbetroffene Menschen zu versorgen und soziale Teilhabe zu ermöglichen.
epd: Es gibt Tafeln in strukturschwachen Gebieten genauso wie in einkommensstarken Regionen. Ist die Tafel-Arbeit in reichen Kommunen leichter als in armen?
Steppuhn: Die Situation der Tafeln hängt von vielen Faktoren ab: den verfügbaren Lebensmittelspenden, den örtlichen Handelspartnern und Lebensmittelherstellern, der Zahl der Ehrenamtlichen und der Logistik. Pauschal lässt sich daher nicht sagen, dass Tafeln in wohlhabenden Kommunen bessere Voraussetzungen haben. Die Tafeln arbeiten überall nach denselben Grundsätzen, die Herausforderungen vor Ort unterscheiden sich jedoch deutlich. In ländlicheren Regionen müssen oft längere Wege zurückgelegt werden, sowohl bei der Abholung von Lebensmitteln als auch von den Gästen, die das Angebot der Tafel nutzen. In Ballungsräumen stehen Tafeln dagegen häufiger vor der Aufgabe, eine besonders hohe Anzahl an Menschen zu unterstützen.



