Niedrige Geburtenrate löst Kritik an Politik aus

Niedrige Geburtenrate löst Kritik an Politik aus
Familienverbände werten den historischen Tiefstand der Geburten in Deutschland als Folge politischer Versäumnisse. Unter anderem zu wenig Kinderbetreuung und mangelnde Vereinbarkeit von Familie und Beruf hielten viele Paare vom Kinderkriegen ab.
28.04.2026
epd
Von Stephan Cezanne und Karsten Frerichs (epd)

Frankfurt a.M. (epd). Auf die jüngsten Zahlen des Statistischen Bundesamtes zur Geburtenrate haben Familienverbände mit großer Sorge reagiert. „Dass die Geburtenzahl auf den niedrigsten Stand seit 1946 gesunken ist, ist kein historischer Zufall, sondern das Ergebnis einer jahrzehntelangen strukturellen Benachteiligung von Familien“, erklärte der Deutsche Familienverband am Dienstag auf Anfrage des Evangelischen Pressedienstes (epd). Der Familienbund der Katholiken bezeichnete die Statistik als „alarmierend“. Dies sei auch Ergebnis politischer Versäumnisse.

Im vierten Jahr in Folge ist die Zahl der Geburten in Deutschland gesunken und hat den niedrigsten Stand seit 1946 erreicht. Im vergangenen Jahr seien nach vorläufigen Ergebnissen rund 654.300 Kinder geboren worden, teilte das Statistische Bundesamt in Wiesbaden mit. Das seien 3,4 Prozent weniger als im Jahr zuvor gewesen, als 677.117 Neugeborene das Licht der Welt erblickten.

Die Zahl der Sterbefälle von rund 1,01 Millionen überstieg die Zahl der Geburten 2025 den Angaben nach um etwa 352.000. Das sei das größte Geburtendefizit der Nachkriegszeit, erklärte das Bundesamt. Der Bundesgeschäftsführer des Deutschen Familienverbandes, Sebastian Heimann, bezeichnete die Zahlen als „dramatischen Weckruf“.

Rückgang der Geburten auch in anderen Staaten

Die niedrigen Geburtenzahlen der vergangenen Jahre ergeben sich den Statistikern zufolge aus zwei Entwicklungen: Es gibt derzeit weniger Frauen, die Kinder bekommen können, weil die zahlenmäßig kleinen 1990er Geburtsjahrgänge in das entscheidende Alter von Anfang 30 kämen. Außerdem sinke seit 2022 die zusammengefasste Geburtenziffer, die angibt, wie viele Kinder eine Frau heute im Durchschnitt bekommt.

Einen Rückgang der Geburtenzahlen melden laut vorläufigen Ergebnissen für 2025 auch andere Staaten der Europäischen Union, darunter Frankreich, Österreich, Italien und Schweden, wie das Bundesamt weiter mitteilte.

Appell: Familien nicht weiter belasten

Die Ursachen für den Rückgang seien systemisch, fügte Heimann hinzu: „Unser Sozialversicherungssystem, insbesondere die gesetzliche Rente, bestraft Eltern regelrecht für ihre Erziehungsleistung, indem sie im Alter leer ausgehen. Vor allem Mütter.“ Wenn die Politik dann noch Leistungen wie das Elterngeld über Jahrzehnte nicht anhebe oder die spezifischen Bedürfnisse von Mehrkindfamilien ignoriere, dürfe sie sich über sinkende Geburtenraten nicht wundern.

Der Familienbund der Katholiken mahnte, die Familienpolitik müsse dringend handeln. Denn viele Menschen wünschten sich mehr Kinder, als sie tatsächlich bekommen, teilte der Verband dem epd mit. Der Geburtenrückgang sei daher nicht allein Ausdruck eines veränderten Lebensstils und Kinderwunsches, sondern auch Folge unzureichender Rahmenbedingungen, hieß es weiter. Wer sich gegen Kinder oder auch gegen mehr Kinder entscheide, tue dies oft nicht aus Überzeugung, sondern aus Mangel an Geld, Unterstützung und Planungssicherheit.

Kinder dürfen kein Armutsrisiko sein

Die diskutierte Abschaffung des Ehegattensplittings wäre ein weiterer Schlag gegen eine kinderorientierte Familienpolitik, mahnte Heimann: „Kinder zu haben, darf in Deutschland kein Armutsrisiko sein. Wir brauchen dringend eine familiengerechte Reform der Sozialversicherungen und eine echte Elternrente, die den Generationenvertrag wieder vom Kopf auf die Füße stellt.“

Auch der Familienbund der Katholiken hält die Diskussion über die Abschaffung des Ehegattensplittings für problematisch: Denn gerade diese Regelungen gäben Familien die notwendige Flexibilität, um Familie und Beruf zu vereinbaren.