Oldenburg, Hamburg (epd). Die Therapie suchterkrankter Kinder und Jugendlicher wird durch die geplante Schließung der Dietrich-Bonhoeffer-Klinik im Landkreis Oldenburg nach Ansicht des Kinder- und Jugendpsychiaters Rainer Thomasius „nahezu unmöglich“. Bundesweit gebe es dann für die jungen Patienten nur noch um die 20 Plätze, sagt der Hamburger Professor dem Evangelischen Pressedienst (epd). „Das Kindeswohl hat eine wesentlich geringere Bedeutung als das Wohlergehen Erwachsener“, kritisierte der Gründer des Deutschen Zentrums für Suchtfragen des Kindes- und Jugendalters am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. Die Situation für Betroffene im Erwachsenenalter sei in Deutschland mit 13.600 Plätzen hingegen auch im internationalen Vergleich ausgezeichnet.
Gründe für die Vernachlässigung sind dem Psychiater zufolge unter anderem die hohen Anforderungen, die eine Therapie suchterkrankter Kinder und Jugendlicher mit sich bringt. Für die Therapie sei ein hoch spezialisiertes Team nötig. „Die Substanzen werden von den jungen Menschen ja genutzt, um die im Hintergrund schwelenden Konflikte, Ängste, Traumatisierungen, depressive Störungen selber besser regulieren zu können“, erklärte Thomasius.
Rückfallquote ist bei Jugendlichen hoch
Der Substanzgebrauch wiederum führt zu hirnorganischen Veränderungen. Die Jugendlichen wiesen enorme Entwicklungsrückstände auf. „Die Klientel ist schwierig, die Rückfallquote hoch“. Zudem unterstrich Thomasius, dass die Folgen einer Suchterkrankung für Jugendliche oft dramatischer seien als für Erwachsene. Viele minderjährige Betroffene hätten nicht die psychosozialen Ressourcen, die erforderlich seien, um abstinent zu werden.
Thomasius warnte vor einer Zunahme der Suchtproblematik bei Jugendlichen. Seit der Corona-Pandemie hätten sich die Konsummuster verschärft. Vor der Pandemie seien vorwiegend Jugendliche mit einer Cannabis- oder eine Alkoholabhängigkeit in Behandlung gewesen. „Das ist mittlerweile die Ausnahme“, unterstrich der Psychiater. „Mischkonsum ist allgegenwärtig. Alkohol wird mit Cannabis ergänzt - und mit Benzodiazepinen und Opioiden“.
Unterfinanzierung als Schließungsgrund für Suchtklinik
Die Bonhoeffer-Klinik in Ahlhorn hatte im März angekündigt, ihren Betrieb zum 30. Juni einzustellen. Als Ursache nannte die Trägerin, die diakonische Leinerstift-Gruppe, eine massive Unterfinanzierung, die es unmöglich mache, den Betrieb kostendeckend und therapeutisch angemessen weiterzuführen. Für die Finanzierung der Therapieplätze kommt wesentlich die Deutsche Rentenversicherung auf. Durch das Aus für die Klinik würden 60 der bundesweit rund 85 Reha-Plätze für suchterkrankte Kinder und Jugendliche wegfallen, hieß es.



