Oberursel (epd). Die Philosophin Eva von Redecker sieht in der Überbetonung marktliberaler Prinzipien die Grundlage für reaktionäre Tendenzen und aggressiven Nationalismus in vielen westlichen Ländern. Ein „Merkmal dieser neofaschistischen Welle“ sei, dass sie überall zu beobachten sei, „wo der Neoliberalismus durchgeritten ist“, sagte sie dem im hessischen Oberursel erscheinenden Magazin „Publik-Forum“ (online).
Sie verstehe den Neoliberalismus als eine Phase, in der schützende und den Kapitalismus einhegende Maßnahmen über Bord geworfen wurden und die Marktlogik in Bereichen hergestellt worden sei, die nichts mit dem Markt zu tun hätten, erklärte die in Brandenburg lebende Philosophin. Das habe Menschen in eine Art Überlebenskampf gebracht, den der Faschismus nur noch zum Naturgesetz erklären müsse.
Rückkehr überwunden geglaubter Positionen
Wenn irrationale Vorstellungen von Eigentum gewaltsam und losgelöst von Rechtsstaatlichkeit verteidigt würden, dann sei das faschistisch, sagte von Redecker. Typisch sei die Vorstellung, dass etwas gestohlen worden sei: „Die Wahlen, unser Land oder eine bestimmte Form der Meinungsfreiheit, Ölheizungen, Autos, was auch immer.“ Rechter Politik gehe es um diesen „Phantombesitz“.
Mittlerweile gehe es bei diesem Phantombesitz um Positionen, die für überwunden gehalten wurden, sagte von Redecker: „Plötzlich ist es unglaublich wichtig, bestimmte Beleidigungen aussprechen zu können, angeblich hängt daran die Meinungsfreiheit. Rechte Politik verspricht: Da bist du wieder Eigentümer, das ist nur deins, da darf dir niemand reinregieren.“
Das Verfügen über Besitz erscheine Herrschenden oft als Freiheit. Wenn deren Herrschaft ende, hätten sie das Gefühl, ihre Freiheit verloren zu haben. In einer funktionierenden liberalen Ordnung reiche dieser Anspruch nur bis zur Grenze des anderen. In der heutigen Welt betreffe das eigene Verhalten aber stets das Leben anderer: „Das bringt dann die irrationale Reaktion hervor: Dann kümmere ich mich einfach gar nicht um die Rechte der anderen. Hauptsache, ich spüre irgendwo noch, dass ich wirklich frei bin.“


