Berlin (epd). Diskriminierung betrifft einer großen Umfrage zufolge zahlreiche Menschen in Deutschland und zieht sich durch alle Lebensbereiche. In der am Dienstag veröffentlichten Erhebung gaben 13,1 Prozent der Befragten an, in den vorangegangenen zwölf Monaten entsprechend benachteiligt worden zu sein. „Diskriminierung ist in Deutschland kein Einzelfall, sondern ein Massenphänomen“, sagte die Antidiskriminierungsbeauftragte des Bundes, Ferda Ataman, bei der Vorstellung in Berlin. Der Anteil der Betroffenen in der Befragung entspreche rund neun Millionen Erwachsenen in ganz Deutschland. Ataman forderte die Bundesregierung als Konsequenz zu Gesetzesänderungen auf.
In der Befragung wurden große Unterschiede zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen deutlich. So berichteten Frauen mit einer Wahrscheinlichkeit von 16,1 Prozent über Diskriminierungserfahrungen, bei den Männern waren es nur 9,8 Prozent. Für Menschen mit Migrationshintergrund lag die Wahrscheinlichkeit, diskriminiert zu werden, bei 21 Prozent, bei Menschen muslimischen Glaubens waren es 28,6 Prozent. Für transgeschlechtliche, intergeschlechtliche und nicht-binäre Menschen wurde eine Wahrscheinlichkeit von 31,8 Prozent errechnet, für Menschen mit Behinderungen oder chronischen Krankheiten waren es 17 Prozent.
„Massive Belastung“ für das politische System
Gefragt wurden die Betroffenen auch danach, in welchen Lebensbereichen sie Diskriminierungen erlebten. Dabei wurden vor allem alltägliche Situationen wie Begegnungen auf der Straße (41,5 Prozent), der Besuch von Läden oder andere Kontakte mit Gütern und Dienstleistungen (40,7 Prozent) sowie das Arbeitsleben (39,2 Prozent) genannt. 20,3 Prozent der Betroffenen berichteten von Diskriminierung im Bereich Gesundheit und Pflege, 19,5 Prozent der Betroffenen nannten Kontakte mit Ämtern, Behörden oder der Polizei.
„Diskriminierung findet nicht am Rand der Gesellschaft statt, sondern mittendrin“, sagte Ataman dazu. Sie betonte, dass dies auch „eine massive Belastung für unser politisches System“ sei: Die verbreitete Erfahrung von Diskriminierung lasse das Vertrauen in den Staat schwinden, warnte Ataman. Außerdem verschärfe sich der Fachkräftemangel, wenn sich Zugewanderte in Deutschland nicht wohlfühlten.
Kurze Frist für rechtliche Schritte
Ataman ermahnte die Bundesregierung, die im Koalitionsvertrag angekündigte Reform des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes (AGG) zügig anzugehen. Dabei müssten weitere mögliche Diskriminierungsmerkmale aufgenommen werden, unter anderem die Staatsangehörigkeit und der sozioökonomische Status. Auch der Anwendungsbereich des AGG müsse ausgeweitet werden. Zudem müsse die Frist, um sich nach einer Diskriminierung rechtlich zur Wehr zu setzen, von aktuell zwei Monaten deutlich verlängert werden, fügte Ataman hinzu.
Für die Untersuchung im Auftrag der Antidiskriminierungsstelle des Bundes wurden Daten aus dem Sozio-ökonomischen Panel verwendet. Für diese Langzeitstudie werden jedes Jahr etwa 30.000 Menschen befragt. 2022 wurden dabei erstmals Fragen zur Diskriminierung gestellt. Die Auswertung übernahm das Deutsche Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung (DeZIM). Ko-Autorin Samera Bartsch sagte in Berlin, es handele sich um die bisher umfassendste Befragung zum Thema Diskriminierung. Sie wünsche sich künftig eine regelmäßige Wiederholung im Abstand von zwei Jahren, um Vergleichsdaten zu bekommen.


