Brüssel (epd). Knapp jede dritte Frau (30,7 Prozent) in der Europäischen Union hat seit ihrem 15. Lebensjahr körperliche oder sexuelle Gewalt erfahren. Das zeigt eine am Dienstag vorgestellte Studie der EU-Agentur für Grundrechte (FRA) und des Europäischen Instituts für Gleichstellungsfragen (EIGE). Die Spannbreite zwischen den Mitgliedstaaten ist groß: In Finnland berichten 57,1 Prozent der Frauen von Gewalt, in Bulgarien 11,9 Prozent.
Speziell sexuelle Gewalt im Erwachsenenalter, darunter Vergewaltigung oder andere Übergriffe, haben demnach EU-weit 17,2 Prozent der Frauen erlebt. Die Länderunterschiede sind hier ebenfalls deutlich: In Schweden gaben 41 Prozent der Frauen an, sexuelle Gewalt erfahren zu haben, in Bulgarien 3,4 Prozent. Die Studienmacher sprechen von einem „Nordischen Paradox“: Länder mit hoher Gleichstellung melden mehr Gewalt gegen Frauen - nicht unbedingt, weil mehr Gewalt passiert, sondern weil Frauen eher darüber sprechen.
Zudem zeigt die Erhebung, dass Gewalt häufig aus dem unmittelbaren Umfeld der Frauen stammt: 10,7 Prozent haben körperliche Gewalt durch ihren Partner erfahren, 6,9 Prozent wurden von ihm vergewaltigt, 3,8 Prozent von einem Nicht-Partner.
Hohe Zahlen auch in Deutschland
Für Deutschland zeichnet die Erhebung ebenfalls ein gravierendes Ausmaß: Rund ein Viertel (25,6 Prozent) der Frauen berichten laut der Studie von körperlicher Gewalt, Drohungen oder sexueller Gewalt im Laufe ihres Lebens. 14,8 Prozent gaben an, sexuelle Gewalt einschließlich Vergewaltigung erlebt zu haben. Zudem haben 47,6 Prozent der Frauen in ihrer Kindheit körperliche oder psychische Gewalt durch ihre Eltern erfahren.
Auch Belästigungen sind demnach in Deutschland weit verbreitet. 32,1 Prozent der Frauen berichten von sexueller Belästigung am Arbeitsplatz, außerhalb der Arbeit sind es 43,4 Prozent. Außerdem wurden 13,8 Prozent der Frauen Opfer von Stalking, also dem penetranten Belästigen und Verfolgen einer Person gegen deren Willen.
Die Erhebung der EU-Statistikbehörde Eurostat, FRA und EIGE basiert auf mehr als 114.000 Interviews zwischen September 2020 und März 2024. In Deutschland nahmen 2.419 Frauen teil.


