München (epd). Der Franziskanerorden in Deutschland hat am Mittwoch eine Studie zu sexualisierter Gewalt vorgelegt. Mehr als 100 Betroffene und insgesamt 98 namentlich bekannte Tatverdächtige seien ab 1945 ermittelt worden, sagte Peter Caspari, wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Praxisforschung und Projektberatung in München, das die Studie erarbeitet hat. Er gehe aber von einem deutlich größeren Dunkelfeld aus, dazu gebe es weitreichende Hinweise. 75 Prozent der Betroffenen sind laut Studie männlich, die Mehrheit war zu Tatbeginn zwischen 10 und 15 Jahre alt. Die meisten Übergriffe geschahen in pädagogischen Einrichtungen. Laut dem Insititut ist ein Großteil der Tatverdächtigen, in der Regel Ordensbrüder, bereits verstorben.
Der Betroffenenvertreter Peter Krosch sagte, die Studie sei mehr als überfällig gewesen, komme aber für viele Betroffene zu spät. Krosch hatte als Kind in Vossenack in Nordrhein-Westfalen, wo die Franziskaner ein Gymnasium und ein Internat betreiben, in den 1970er- und 1980er-Jahren sexualisierte Gewalt erlebt. Der Ordensleitung warf er zeitliche Verschleppung, eine jahrelange Vertuschungspraxis und Wegducken vor. „Diese Verantwortungslosigkeit eines ganzen Systems nun schwarz auf weiß noch einmal nachlesen zu können, macht mich noch immer fassungslos.“
Bis 2010 gab es kein Interesse an Betroffenen
Als begünstigende, ordensspezifische Faktoren für die Übergriffe werden in der Studie unter anderem der Umgang mit Gehorsam und Keuschheit, eine ungeklärte Sexualität, psychische und physische Erkrankungen sowie ein früher Ordenseintritt genannt. Sexualisierter Gewalt im Orden sei bis in die 2010er-Jahre verleugnet worden, „es gab überhaupt kein Interesse am Schicksal von Betroffenen“, sagte Caspari. Die Folgen für die Betroffenen sind gravierend: Viele hätten, zum Teil lebenslang, mit psychischen Folgeerkrankungen zu kämpfen.
Alle Ordensangehörige hätten zu seiner Zeit in Vossenack von den Taten gewusst, „die Übergriffe waren immer Thema unter uns Jungs“ im Internat, sagte Krosch. Achim Görke, ebenfalls Betroffener in Vossenack in den 1970er Jahren und Mitglied der Begleitgruppe für die Studie, sagte, er habe 50 Jahre gebraucht, um über das Erlebte sprechen zu können. Die Studie sei für ihn eine wichtige Stütze, um zu wissen, dass er nicht allein sei. Die Schilderung der Fälle in Vossenack nehmen 60 der insgesamt 450 Seiten starken Studie ein.
„Uns wurde ordentlich ins Leben reingepfuscht“
Görke und Krosch kritisierten in ihren Statements auch das Verfahren für Anerkennungsleistungen: Sie hätten fremden Männern im Orden ihre hochpersönliche Geschichte erzählen müssen. „Das ist menschenunwürdig.“ Außerdem sei nicht nachvollziehbar, auf welcher Grundlage Entscheidungen getroffen würden und warum jemand beispielsweise 15.000 Euro erhalte, ein anderer aber nur 10.000 Euro. „Uns wurde ordentlich ins Leben reingepfuscht“, sagte Görke. „Das was passiert ist, wird nicht durch Zeit geheilt. Das, was passiert ist, bleibt stehen.“
Provinzialminister Markus Fuhrmann, der an der Spitze des Franziskanerordens in Deutschland steht, bat in seinem Statement alle Betroffenen um Vergebung. „Ich weiß, dass wir diese Vergebung nicht erwarten dürfen. Ich kann Sie nur darum bitten.“ Er wolle klar Verantwortung übernehmen und Schuld innerhalb der Ordensgemeinschaft bekennen. Die Studie zeige, dass sexualisierte Gewalt Teil der Ordensgeschichte sei. „Sie dokumentiert Taten. Sie macht strukturelle Probleme sichtbar. Und sie zeigt, wie tief und wie lang die Folgen für Betroffene sein können - oft ein Leben lang.“
Studie soll kein Abschluss sein
Die Studie sei kein Abschluss, sondern ein entscheidender Schritt im Prozess der Aufarbeitung, sagte Fuhrmann weiter. Mithilfe der Studienergebnisse sollen „weitere Maßnahmen“ entwickelt und umgesetzt werden, um Machtmissbrauch und Übergriffe zu verhindern oder bei Übergriffen entsprechend einzugreifen.
Der Franziskanerorden, der sich auf den Heiligen Franz von Assisi beruft, ist laut eigenen Angaben mit rund 13.600 Mitgliedern der weltweit drittgrößte Orden der katholischen Kirche. In Deutschland leben rund 200 Franziskaner in mehr als 20 Klöstern. Hauptsitz der Deutschen Franziskanerprovinz ist München.


