Erfurt (epd). Zwischen 2013 und 2024 hat Michael Schwarzkopf als Pfarrer für Christinnen und Christen lutherischen Bekenntnisses im europäischen Teil Russlands gearbeitet. Der Raum für kleine Kirchen, ihren Glauben zu leben, sei dort größer, als manche in Deutschland vermuteten, sagte er im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd). Auch das Deutschlandbild vieler Russen sei positiver, als es die politischen Spannungen nahelegten.
„Kirchen in Russland sind generell unpolitischer als in vielen anderen Teilen der Welt“, sagte Schwarzkopf. In der Tradition der orthodoxen Welt seien Religionsgemeinschaften dem Staat vergleichsweise eng verbunden. Auch die Evangelische Kirche in Russland sei 1837 von Zar Nikolaus I. (1796-1855) gegründet worden. Als Pfarrer sei er vor allem in der Seelsorge tätig gewesen.
Suche nach Spiritualität
Die Verbundenheit seiner Gemeinde mit Russland sei besonders stark. Viele der rund 150 Gläubigen seien russlanddeutscher Herkunft. Anders als viele ihrer Kinder hätten sie sich bewusst gegen eine Ausreise entschieden. Deutschland sei ihnen fremd. „Deshalb gab es trotz des Krieges kaum Wegzüge aus der Gemeinde“, sagte Schwarzkopf. Trotz der jahrzehntelangen Unterdrückung religiösen Lebens sei die Suche nach Spiritualität groß. Oft fehle jedoch kirchliche Praxis; manche Rituale hätten sich nur als Brauchtum erhalten.
Er selbst habe Russland 2024 verlassen, nachdem er seine Aufgabe als erfüllt betrachtet habe: „Die Evangelische Kirche in Deutschland hat seit dem Ende der Sowjetunion den evangelischen Gemeinden Russlands geholfen, die russische Evangelische Kirche wieder aufzubauen. Dafür wurden deutsche Pfarrer entsandt und Ausbildungsprogramme eingerichtet.“ Inzwischen werde die Kirche von einem russischen Erzbischof geleitet.
Interesse an Deutschland
Das Interesse an Deutschland habe er in der russischen Bevölkerung positiv erlebt. Politische Aussagen über Deutschland spielten im Alltag kaum eine Rolle. Für viele Menschen in St. Petersburg sei Deutschland das Land, das die Schnellbahnverbindung nach Moskau gebaut habe - und in dem Ordnung und Pünktlichkeit herrschten. „Ich glaube jenen Stimmen in Deutschland nicht, die fordern, man müsse Russland weiter entgegenkommen, damit sich das Verhältnis verbessert“, sagte Schwarzkopf.
Zur Versöhnung hätten vor allem praktische Kontakte beigetragen. Dass deutsche Helfer Überlebende der Belagerung Leningrads (1941-1944) in ihren letzten Lebensjahren gepflegt hätten, sei vielen in St. Petersburg im Gedächtnis geblieben. Insgesamt spiele der Große Vaterländische Krieg für die jüngere Generation keine so prägende Rolle mehr.


