Bielefeld (epd). Seit vier Jahren leben die Menschen in der Ukraine im Kriegszustand: Das kann nach den Worten der Ärztin Brigitte Säker weitreichende Folgen für die psychische Gesundheit der Menschen haben, auch über den Krieg hinaus. „Manche Menschen haben eine hohe Resilienz, sie können traumatische Erlebnisse ganz gut wegstecken“, sagte die Oberärztin in der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie im Evangelischen Klinikum Bethel in Bielefeld dem Evangelischen Pressedienst (epd). „Aber wenn immer wieder Angriffe passieren, wenn immer wieder Grenzen überschritten werden, wenn man das Gefühl hat, der Situation ausgeliefert zu sein und nichts tun zu können - dann wird es immer wahrscheinlicher, dass die Psyche darunter leidet.“
Dies könne sich zum Beispiel durch eine PTBS, eine posttraumatische Belastungsstörung, äußern. „Viele Soldaten leiden darunter“, sagte die ärztliche Leiterin einer Station, die auf die Behandlung von Traumafolgestörungen spezialisiert ist. „Dann kann es auch in Friedenszeiten passieren, dass die Soldaten zum Beispiel durch ein bestimmtes Geräusch getriggert werden, wie etwa einen vorbeifliegenden Hubschrauber.“ Sie fühlten sich dann so, als seien sie wieder im Krieg. Menschen, die an PTBS litten, zögen sich oft zurück, hätten Angst vor bestimmten Situationen. „Sie können schlecht einschlafen, haben Probleme, sich zu entspannen“, erklärte Säker. Das könne zu weiteren Folgen wie Abhängigkeiten führen.
Angst über einen langen Zeitraum
Doch auch für Zivilisten sei es schwierig, die Angst über so einen langen Zeitraum auszuhalten. „Wenn die Belastung zu hoch ist, wenn immer wieder Angriffe passieren, kann es zu einer Dissoziation kommen“, erläuterte die Oberärztin. „Dann schaltet das Gehirn einfach ab und man nimmt zum Beispiel die Umgebung oder Schmerzen nicht mehr wahr.“ Dies könne helfen, die Angriffe besser zu überstehen, sie nicht mehr als so schlimm zu erleben.
„Aber wenn man jahrelang damit leben muss, dass die Stadt jederzeit bombardiert werden kann, merkt sich das Gehirn das“, sagte Säker. Das bedeute, dass es später in Friedenszeiten zu einem Problem werden könne. „Wenn zum Beispiel im Bus jemand schreit, würde man im Normalfall schauen, was passiert ist und passend reagieren“, erklärte sie. „Bei einer dysfunktionalen Dissoziation zieht man sich dagegen komplett aus der Situation heraus.“
Nachwirkungen bis in Friedenszeiten hinein
Ähnliches gelte für Angst. Auch hier merke sich das Gehirn dieses dauerhafte Gefühl. „Der Körper kann dann auch in Friedenszeiten Schwierigkeiten haben, sich aus diesem Gefühl zu lösen“, sagte die Ärztin. „Die Angstsymptome können weiter bestehen bleiben.“
Es gebe verschiedene Methoden, um gegen diese Traumafolgen zu arbeiten. „Man kann sogenannte Skills anwenden, um sich wieder in die Gegenwart zurückzuholen“ erklärte sie. „Das kann je nach Schwere des Traumas zum Beispiel ein Igelball sein, den man durch die Hand rollt, oder man beißt auf eine Chilischote.“ Es gebe oft Vorboten, die eine dissoziative Reaktion ankündigten. Wenn man diese erkenne, könne man mithilfe der Skills üben, gar nicht erst in einen dissoziativen Zustand zu kommen.


