Aachen, Düsseldorf (epd). Für den Düsseldorfer Wagenbauer Jacques Tilly ist Karneval mehr als Feiern, Tanzen und Saufen. „Der Karneval hat auch einen politischen Aspekt, der im Rheinland ganz besonders stark ist“, sagte Tilly in einem am Freitag veröffentlichten Interview der Kirchenzeitung für das Bistum Aachen. „Narrenfreiheit heißt, dass man einmal im Jahr all denen, die es in unseren Augen verdienen, ungestraft die Meinung sagen darf.“
Dabei gehe es nicht nur um die Präsidenten Wladimir Putin in Russland oder Donald Trump in den USA, betonte der Künstler. „Die Radikalisierungsprozesse verstärken sich, es rast eine rechtspopulistische Welle um den Globus, die alle Länder infiziert.“ In Deutschland sei es der Aufstieg der AfD, die versuche, den Staat lächerlich zu machen und zu delegitimieren. Dagegen müsse sich der Staat stärker wehren und seine liberalen Grundwerte verteidigen, fordert: „Wir müssen totalitär-autoritären Anwandlungen offensiv begegnen und dürfen diese nicht widerspruchslos dulden.“
Prozess gegen Tilly in Moskau
Einem Menschen, der die Meinungsfreiheit nutze, um sie abzuschaffen, spreche er nicht uneingeschränkt das Recht auf freie Meinungsäußerung zu, sagte der Bildhauer. „Wir dürfen Intoleranz nicht tolerieren, das wäre das Ende der Toleranz“, betonte er. „Mit diesem Widerspruch müssen wir leben.“
Tilly gestaltet seit 1984 die oft bissig-entlarvenden Mottowagen im Düsseldorfer Karneval, die häufig auch den russischen Präsidenten Putin zeigten. Für den diesjährigen Rosenmontagszug in Düsseldorf hat er auch wieder einen Toleranzwagen der Religionen gebaut. Aktuell läuft in Moskau ein Prozess gegen Tilly wegen Verunglimpfung der russischen Staatsorgane. Einschüchtern lasse er sich davon nicht, sagte der Künstler der Kirchenzeitung. Die Anklage sei auch motivierend. „Sie zeigt: Satire wirkt und tut weh. Auch Despoten und Diktatoren.“


