Frankfurt a.M. (epd). Der Rücktritt der evangelischen Betroffenensprecherin Nancy Janz zeigt nach Ansicht der Beteiligungsberaterin Birgit Mangels-Voegt dass die Aufarbeitung und Prävention von sexualisierter Gewalt noch nicht überall in der evangelischen Kirche Priorität hat. Nicht alle hätten die Dramatik in diesem Handlungsfeld erkannt, sagte Mangels-Voegt dem Evangelischen Pressedienst (epd). Die Strategieberaterin hatte vor vier Jahren das sogenannte Beteiligungsforum mit entworfen, in dem bis heute kirchliche Beauftragte und Betroffene sexualisierter Gewalt im evangelischen Kontext über Maßnahmen beraten. „Es ist kein Themenfeld wie jedes andere. Es geht dabei auch um die zukünftige Entwicklung der Kirche und Diakonie“, sagte sie.
Bei der Aufarbeitung zeige sich, dass die föderale Organisation der evangelischen Kirche und ihres Sozialverbands Grenzen habe, sagte Mangels-Voegt, die das Beteiligungsforum nach wie vor begleitet. Die 20 Landeskirchen und 17 Diakonie-Landesverbände haben sich eigentlich verpflichtet, die Beschlüsse des Beteiligungsforums zu übernehmen. Mühsam ausgehandelte „Paketlösungen“ - etwa zu einheitlichen Anerkennungszahlungen an Opfer sexualisierter Gewalt - würden von einzelnen Landeskirchen oder diakonischen Verbänden später wieder aufgeschnürt, was bei den Mitgliedern des Beteiligungsforums zu Frustration führe, sagte sie.
Anerkennungsleistungen sind „Herzstück“ der Reformen
Die Anerkennungszahlungen seien eine Art „Herzstück“ der Reformen, daher sei die Aufmerksamkeit innen wie außen sehr hoch. In die Selbstverpflichtung gehöre ein Passus, dass die Beschlüsse des Beteiligungsforums „eins zu eins“ übernommen werden müssten, sagte Mangels-Voegt. Die Glaubwürdigkeit der Kirche und Diakonie hänge davon ab, dass vereinbarte Entscheidungen verbindlich, zügig und einheitlich umgesetzt werden.
Der Rücktritt von Nancy Janz mache auch Macht- und Anerkennungskonflikte sichtbar. Janz hatte ihr Amt vergangene Woche niedergelegt und dies mit Überlastung, Konflikten, aber auch mit Enttäuschung über fehlende Fortschritte bei der Aufarbeitung begründet. Mancherorts werde die Beteiligung Betroffener als „Alibi“ genutzt, kritisierte sie. Mangels-Voegt sagte, der Vorwurf der „Alibi-Partizipation“ richte sich dabei nicht gegen das Beteiligungsforum und den dort aktiven Beteiligten, sondern gegen diejenigen institutionellen Ebenen, die Beschlüsse formal akzeptierten, sie aber nicht wie abgesprochen umsetzten.
Mehr Ressourcen für Betroffene
Für die Betroffenenvertreter im Beteiligungsforum seien eine transparente Kommunikation und schnellere Entscheidungen besonders wichtig - auch in Bezug auf Ressourcen, die EKD und Diakonie bereitstellen müssten. „Betroffene brauchen Zugriff beispielsweise auf Geld für weitere Treffen“, sagte Mangels-Voegt. Und sie benötigten mehr Unterstützung, weil sie ehrenamtlich mitarbeiten. „Kirche und Diakonie haben sich weit aus dem Fenster gelehnt, indem sie Mitbestimmung zugelassen haben. Die muss jetzt auch gelebt werden.“


