Berlin (epd). Von der Bedrohung bis zum körperlichen Angriff: Mindestens die Hälfte der Frauen in Deutschland hat im Laufe ihres Lebens schon Gewalt von einem aktuellen oder früheren Partner erlebt. Das ist das Ergebnis einer großen Dunkelfeldstudie, die am Dienstag in Berlin vorgestellt wurde. Demnach ist auch sexualisierte Gewalt weitverbreitet. Zur Polizei gehen aber nur die wenigsten Betroffenen.
Für die gemeinsame Studie von Bundesfamilienministerium, Bundesinnenministerium und Bundeskriminalamt (BKA) wurden rund 15.500 Menschen nach Gewalterfahrungen aller Art befragt. Ein Schwerpunkt lag auf Partnerschaftsgewalt: 18 Prozent der befragten Frauen berichteten, schon einmal körperliche Gewalt durch einen Partner oder Ex-Partner erlebt zu haben, bei den Männern waren es 14 Prozent. Von psychischer Gewalt, zum Beispiel Bedrohungen, berichteten 48,7 Prozent der Frauen und 40 Prozent der Männer.
„Erschütternde“ Daten zur Gewalt an Kindern
Auch sexualisierte Gewalt betrifft Frauen weitaus häufiger als Männer. 62,3 Prozent der befragten Frauen berichteten, mindestens einmal im Leben sexuelle Belästigung erlebt zu haben - bei den Männern waren es 28,6 Prozent. Von mindestens einem sexuellen Übergriff sprachen 17,8 Prozent der Frauen und 4,3 Prozent der Männer. Der Untersuchung zufolge unterscheiden sich die Geschlechter außerdem beim Erleben konkreter Gewaltsituationen: Frauen empfänden dabei „stärkere Angst und beurteilen die erlebten Situationen als schlimmer“.
„Das Ausmaß von Gewalt gegen Frauen ist nach wie vor erschreckend hoch“, sagte Familienministerin Karin Prien (CDU) bei der Präsentation der Ergebnisse. „Besonders erschütternd“ nannte sie zudem die Daten zu Gewalterfahrungen in der Kindheit: Die Hälfte der Befragten hat nach eigenen Angaben als Kind körperliche Gewalt durch Erziehungsberechtigte erlebt. Besonders häufig sind Gewalterfahrungen auch bei Jüngeren, Menschen mit Migrationshintergrund und Angehörigen sexueller Minderheiten.
Der Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Gesamtverbands, Joachim Rock, bezeichnete die Daten als Schock. Die Gesellschaft habe die Aufgabe, Gewaltbetroffenen einen Ausweg aus persönlichen oder familiären Abhängigkeiten zu ermöglichen. „Wir brauchen eine funktionierende Infrastruktur für Gewaltschutz“, forderte Rock.
Diakonie sieht „massives Problem“
Auch die Bundesvorständin für Sozialpolitik der Diakonie, Elke Ronneberger, forderte mehr Geld für Prävention und Schutz. Sie attestierte Deutschland „ein massives Problem mit Gewalt gegen Frauen“. Die Geschäftsführerin des Vereins Frauenhauskoordinierung, Sibylle Schreiber, sprach sich für eine nationale Gewaltschutzkonferenz aus. Diese müsse „verbindliche Sofortmaßnahmen“ auf den Weg bringen.
So weitverbreitet Gewalt ist, so selten erstatten Betroffene Anzeige. Bei psychischer oder körperlicher Gewalt durch aktuelle oder frühere Partner etwa liegt die Quote laut der Studie unter fünf Prozent. Die Gründe dafür sollen in der nächsten Auswertung der Befragungsdaten im Spätsommer beleuchtet werden, wie BKA-Präsident Holger Münch ankündigte.
Für die Studie „Lebenssituation, Sicherheit und Belastung im Alltag“ (LeSuBiA) befragte das Meinungsforschungsunternehmen Verian von Sommer 2023 bis Januar 2025 rund 15.500 repräsentativ ausgewählte Menschen zwischen 16 und 85 Jahren. Die Studie war noch zu Zeiten der Ampel-Regierung gestartet worden.


