Speyer (epd). Die beiden großen christlichen Kirchen müssen nach Einschätzung der pfälzischen Kirchenpräsidentin Dorothee Wüst und des Speyerer katholischen Bischofs Karl-Heinz Wiesemann gemeinsam für Werte wie Zusammenhalt, Menschenrechte und Demokratie einstehen. In einer zunehmend glaubensfernen und gespaltenen Gesellschaft erwarteten viele, dass Kirchen geeint Antworten auf drängende Fragen geben, sagten Wüst und Wiesemann in einem Gespräch dem Evangelischen Pressedienst (epd).
Für viele Menschen in Deutschland seien evangelische oder katholische Identität nicht mehr maßgebend, machten die beiden leitenden Theologen der Evangelischen Kirche der Pfalz und des Bistums Speyer deutlich. Und viele würden mit der christlichen Botschaft gar nicht mehr erreicht. Eine zentrale Aufgabe der Kirchen sei es daher, „ein gemeinsames christliches Zeugnis“ in der Gesellschaft zu geben, betonte Wiesemann, der auch der Ökumene-Kommission der katholischen Deutschen Bischofskonferenz angehört.
Pfalz sieht sich als „Vorreiter der Ökumene“
Zusammen hätten Protestanten und Katholiken gerade in der Pfalz und Saarpfalz bereits vieles erreicht, ergänzte Wüst. Projekte wie der vor mehr als zehn Jahren gemeinsam veröffentlichte Ökumenische Leitfaden hätten die Kooperation auf allen kirchlichen Ebenen vertieft. In der Ökumene sehe man sich als „ein Vorreiter in Deutschland“. In der Region mit ihren deckungsgleichen Kirchengebieten sei das Miteinander über konfessionelle Grenzen hinweg vielfach zur Normalität geworden, sagte Wüst.
Nicht zuletzt aufgrund Herausforderungen wie Reformdruck, Mitgliederschwund und weniger Ressourcen müssten die Kirchen in möglichst vielen Bereichen zusammenarbeiten, waren sich Wüst und Wiesemann einig. Dabei sei auch eine „stellvertretende Ökumene“ nötig, bei der die eine Seite auch Aufgaben für die andere übernehme.
Vielfalt kann bereichernd sein
Forderungen nach einer „Einheitskirche“ erteilten Wiesemann und Wüst jedoch eine Absage. Trennend blieben theologische Grundüberzeugungen: die Rolle von Frauen im geistlichen Amt und die Frage nach Abendmahlsgemeinschaft. Doch sei konfessionelle Vielfalt bereichernd und biete Chancen, die christliche Botschaft aus verschiedenen Perspektiven in die Gesellschaft zu tragen.
Gemeinsame Verlautbarungen, etwa gegen Rechtsextremismus oder für die Stärkung der Demokratie und Bewahrung der Schöpfung, würden in Gesellschaft und Politik wahrgenommen, betonten Wüst und Wiesemann. Gerade in krisenhafter Zeit sei das Wort der Kirchen wichtig. „Nicht wenige auf politischer Seite sagen: Wir hätten gerne, dass ihr lauter seid“, sagte Wüst. Dennoch sei es nicht mehr selbstverständlich, dass die Position der Kirchen bei politischen Entscheidungsprozessen berücksichtigt werde. Beim neuen rheinland-pfälzischen Bestattungsgesetz etwa sei man erst im Nachhinein einbezogen worden, bedauerte Wüst.


