Berlin (epd). Nach dem tödlichen Angriff auf einen Bahnmitarbeiter in Rheinland-Pfalz wird über besseren Schutz und mehr Abschreckung diskutiert. Der Vorsitzende der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG), Martin Burkert, forderte am Donnerstag unter anderem einen verpflichtenden Einsatz von mindestens zwei Zugbegleitern pro Nahverkehrszug. Auch Körperkameras und mehr Bundespolizei an den Bahnhöfen stehen zur Debatte. Mehrere regionale Verkehrsunternehmen berichteten dem Evangelischen Pressedienst (epd) von einer Zunahme an Gewalt und Respektlosigkeit.
Gewerkschafter Burkert forderte im ZDF-„Morgenmagazin“ Bund und Länder auf, die Sicherheit in Zügen und an Bahnhöfen zu erhöhen. Neben der Personalvorgabe im Nahverkehr sprach er sich dafür aus, dass im Fernverkehr Bundespolizeikräfte mitfahren. Bodycams für Zugbegleiter und Notfallknöpfe an den Handys der Mitarbeiter könnten ebenfalls helfen.
Der Vorsitzende des Gesamtbetriebsrats DB Regio Schiene und Bus, Ralf Damde, äußerte sich im WDR-„Morgenecho“ ähnlich. „Wir brauchen Doppelbesetzung, wir brauchen eine Bodycam, die auch Tonaufzeichnungen wiedergibt und nicht nur das Filmmaterial“, sagte er.
„Alles, was es gibt an Straftaten“
Zu den Erfahrungen der Bahnmitarbeitenden sagte Damde, das Ausmaß der Angriffe reiche „vom Bespucken oder dem Verbalen bis hin jetzt in der Spitze dem ersten tödlichen Angriff“. Es gebe auch sexuelle Übergriffe und generell „alles, was es gibt an Straftaten“.
Der Verkehrsverbund VRR (Rhein-Ruhr) im bevölkerungsreichsten Bundesland Nordrhein-Westfalen beobachtet eine wachsende Zahl an Vorfällen. Dies sei ein strukturelles Problem, das sich auch gesamtgesellschaftlich beobachten lasse, sagte ein VRR-Sprecher dem epd. Deutlich erkennbar sei die Zunahme von Respektlosigkeit gegenüber Mitarbeitenden in den Zügen.
Das in Bayern tätige Bahnunternehmen Arverio erklärte ebenfalls, dass „Beleidigungen und verbale Übergriffe auf Personal in Dienstkleidung“ zugenommen hätten. Die Zahl der körperlichen Übergriffe scheine jedoch eher rückläufig zu sein, teilte Arverio dem epd mit.
Die Bayerische Regiobahn erklärte auf epd-Anfrage, bei jährlich 37 Millionen Fahrgästen gebe es eine „verhältnismäßig geringe Zahl von Übergriffen“ verbaler oder körperlicher Art. „Die Verrohung unserer Gesellschaft allgemein stellen unsere Fahrpersonale leider aber durchaus fest“, fügte eine Sprecherin hinzu.
Kriminologe: Höherer Strafrahmen bringt nichts
Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) hatte am Mittwoch härtere Strafen für Übergriffe auf Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Verkehrsunternehmen gefordert. Der Kriminologe Tobias Singelnstein von der Frankfurter Goethe-Universität lehnt solche Vorschläge ab. „Das bringt nichts“, sagte er dem epd. „Das sind in der Regel impulsive und affekthafte Taten, bei denen sich die Handelnden vorher keine Gedanken machen, ob sie drei oder fünf Jahre Freiheitsstrafe dafür bekommen.“ Das Entsetzen der Gesellschaft über solche Taten sei wichtiger als härtere Strafen, sagte Singelnstein.
Der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Alexander Schweitzer (SPD) drang auf eine baldige Sonderkonferenz der Verkehrsministerien von Bund und Ländern unter Beteiligung Dobrindts. „Wir brauchen eine stärkere Besetzung der Bundespolizei an unseren Bahnhöfen“, sagte Schweitzer im Sender Phoenix. Bodycams und Videoüberwachung müssten Standard werden, daneben seien mehr Zugbegleiter nötig.
In Rheinland-Pfalz war am Montagabend ein 36-jähriger Zugbegleiter bei der Fahrkartenkontrolle angegriffen und schwer verletzt worden. Er starb am Mittwoch. Der Tatverdächtige sitzt in Untersuchungshaft.


