Düsseldorf (epd). Die Jesiden in Deutschland vermissen drei Jahre nach der Bundestagsanerkennung des Völkermords an der religiösen Minderheit durch die Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) konkrete Konsequenzen. „Wir hatten zu Beginn viel Hoffnung, dass durch diese Anerkennung - zumal sie einstimmig war - das Leben der Jesiden in Deutschland sichtbarer wird“, sagte der Vorsitzende des Zentralrats der Jesiden, Irfan Ortac, der Düsseldorfer „Rheinischen Post“ (Montag). „Das wurde uns im Bundestagsantrag versprochen, aber tatsächlich haben die Regierungen in Bund und Ländern davon fast nichts umgesetzt.“
Am 19. Januar 2023 hatte der Bundestag den Völkermord an den Jesiden anerkannt und umfassende Hilfe für diese Volksgruppe sowie eine weitere Aufarbeitung gefordert. Im August 2014 hatten Kämpfer der Terrororganisation „IS“ die Sindschar-Region überfallen und Tausende Männer ermordet, Frauen und Kinder versklavt, verschleppt und misshandelt. Das Jesidentum ist eine monotheistische Religion, deren Wurzeln bis 2.000 Jahre vor Christus zurückreichen.
Lehrstuhl und Gedenkort
Ortac verwies auf 20 Forderungen, die in dem 2023 beschlossenen Bundestagsantrag enthalten waren. Ein Punkt sei die Errichtung eines Lehrstuhls zur Religion und Kultur der Jesiden und dem Genozid an einer Universität gewesen. Das sei aber Ländersache. „Daher haben Bund und Länder das Thema hin und her geschoben, weil die Länder vom Bund eine Garantie für die Finanzierung wollen“, beklagte der Zentralratsvorsitzende. Der Verband habe zudem vor zweieinhalb Jahren einen Antrag für einen Gedenkort in Deutschland gestellt, bisher ohne Ergebnis.
Ortac fügte hinzu: „An Schulen werden jesidische Kinder als 'Teufelsanbeter' beschimpft. Lehrkräfte stehen hilflos daneben, weil ihnen das Wissen über die jesidische Kultur fehlt, um bei Diskussionen argumentieren zu können.“ Zudem kritisierte er, dass Jesidinnen und Jesiden entgegen dem Anerkennungsbeschluss von 2023 wieder abgeschoben würden. „Man schiebt erst einmal die Gruppe ab, die kaum eine Lobby hat.“


