Köln (epd). Die Soziologin Gina Rosa Wollinger hat die Änderungen im Sexualstrafrecht nach der Kölner Silvesternacht vor zehn Jahren als gut und notwendig bezeichnet. Doch mehr als 90 Prozent aller Straftaten im Bereich Sexualkriminalität würden gar nicht erst zur Anzeige gebracht, sagte die Professorin für Kriminologie und Soziologie an der Hochschule für Polizei und öffentliche Verwaltung NRW am Mittwoch im WDR 5-„Morgenecho“. „Wir brauchen viel mehr, dass Betroffene sich überhaupt trauen, anzuzeigen“, betonte Wollinger. Zudem müssten Staatsanwaltschaften entlastet und Verfahren beschleunigt werden.
In der Silvesternacht 2015/16 hatten am und im Kölner Hauptbahnhof sowie rund um den benachbarten Dom Gruppen junger Männer vor allem aus dem nordafrikanischen und arabischen Raum zahlreiche Frauen sexuell bedrängt und bestohlen. Als Konsequenz war im Jahr 2016 das Sexualstrafrecht verschärft worden. In dem Gesetz zur Verbesserung des Schutzes der sexuellen Selbstbestimmung gilt seitdem der Grundsatz „Nein heißt Nein“. Für die Strafbarkeit eines sexuellen Übergriffes ist damit nicht mehr die Drohung oder Anwendung von Gewalt entscheidend, sondern dass die sexuelle Handlung nicht gewollt und dies für den Täter auch erkennbar war.
Wissenschaftlerin: Sexualkriminalität breit in Gesellschaft vertreten
Nach der Kölner Silvesternacht sei die Debatte über Migration und Kriminalität verschärft, aber auch „völlig überspitzt“ weitergegangen und „sehr reduziert auf bestimmte Kulturfragen“, erklärte die Soziologin. Sexualkriminalität gebe es nicht nur bei Menschen „aus patriarchalisch geprägten Kulturen“, vielmehr sei sie „sehr breit in der Gesellschaft vertreten“.
Natürlich gebe es bestimmte Risikofaktoren, die man sich bei bestimmten Zuwanderungsgruppen anschauen müsse. „Aber das Ausmaß wird völlig überschätzt“, unterstrich Wollinger. Die allermeisten Zugewanderten seien im vergangenen Jahr etwa nicht strafrechtlich in Erscheinung getreten. Vielmehr sei mit der Zunahme von Migration Gewalt lange Zeit in Deutschland zurückgegangen, erläuterte die Wissenschaftlerin.