Ein Paradies für Blütenjunkies

epd/Dieter Sell

Zur Hauptblütezeit kommen rund 170.000 Besucher in den Bremer Rhododendronpark.

Ein Paradies für Blütenjunkies
75 Jahre nach seiner Gründung ist in Deutschlands größtem Rhododendronpark der Klimawandel spürbar
Blütenwände recken sich meterhoch Richtung Sonne. Mal einheitlich zartrosa, mal schrillbunt. Im Bremer Rhododendronpark ist jetzt Hauptsaison. Der vor einem Dreivierteljahrhundert eröffnete Park lockt mit 1.800 Rhododendron- und 1.400 Azaleensorten.

Wer jetzt durch den Bremer Rhododendronpark spaziert, hat schnell die Nase voll. Denn in der zweiten Maihälfte breitet sich auf 46 Hektar eine betörende Duftwolke aus. Mal belagern schwere Honigaromen die Nase, mal kitzeln würzige Noten die Riechnerven. Hauptblütezeit in Deutschlands größtem Rhododendronpark. Sein wissenschaftlicher Leiter Hartwig Schepker platzt fast vor Stolz. "Eine Oase der Sinne", sagt der Biologe über den Park, der vor 75 Jahren gegründet wurde.

"Eine botanische Schatztruhe ersten Ranges"

Allein in diesen Tagen pilgern rund 170.000 Blütenjunkies in den Park, der nicht nur unter Rhododendron-Fans als Gartenjuwel gilt. Jährlich sind es mehr als 300.000. Es ist das berühmt-berüchtigte Bremer Schmuddelwetter, das die Pflanze aus der Familie der Heidekrautgewächse hier so verschwenderisch blühen lässt. Denn mit seinen verhältnismäßig kühlen und feuchten Sommern, den milden Wintern und einer relativ hohen Luftfeuchtigkeit bietet das Klima dem Rhododendron (griechisch für "Rosenbaum") ideale Bedingungen.

Auch wenn der Windsor-Park in London noch größer ist: Nirgendwo in der Welt wird die Pflanzengattung der Rhododendron laut Schepker so vollständig präsentiert wie in Bremen. Hier wachsen etwa 600 der 1.000 bekannten Rhododendronarten, Spaziergänger können 1.800 Rhododendron- und etwa 1.400 Azaleensorten bewundern. "Eine botanische Schatztruhe ersten Ranges", bilanziert Schepker. Das alles unweit vom Ammerland, dem Zentrum der deutschen Rhododendronzucht im nordwestlichen Niedersachsen.

Der Park entstand auf Initiative der ebenfalls in Bremen gegründeten Deutschen Rhododendron-Gesellschaft auf einem verwilderten Gelände unter Eichen, Buchen und Fichten. Am 5. Juni 1937, während der damaligen Hauptblütezeit, öffneten sich die Tore. Heute durchläuft eine Eichenallee den Park von Ost nach West, Sträucher und Bäume formen einen langen Tunnel. Meterhohe Blütenwände und lange Sichtachsen gehören zu den herausragenden Merkmalen in den ältesten Parkteilen.

"Die meisten Pflanzen blühen zwei bis drei Wochen früher"

Was die Blühsaison angeht, so registriert der 48-jährige Schepker auch in seinem Park die Folgen der Erderwärmung: "Durch den Klimawandel blühen die meisten Pflanzen heute zwei bis drei Wochen früher." Darunter ist auch "Lady Eleanor Cathcart" von 1836 in klarem Pink mit roten Tupfen. Sie ist noch älter als der Park selbst. Neben den Klassikern duften zugleich schrillbunte Neuzüchtungen, die aussehen wie moderne Kunst - 200 Jahre Kulturgeschichte einer Pflanze.

Auch Rhododendron seien von modischen Trends beeinflusst, meint Schepker. "Früher reichten einfache Farben, die Blüte an sich war die Sensation. Heute gibt es drei oder vier Farbtöne in einer Blüte. Das sieht manchmal schon skurril aus."

Nachdem die öffentliche Hand ihre Mittel gekürzt hat, wurde heiß über Eintrittsgelder gestritten. Doch den Besuchern blieben Kassenhäuschen erspart. 2007 übernahm eine Stiftung den Park und finanziert die Arbeit zwischenzeitlich mit einem Kapitalstock von 30 Millionen Euro. 25 Gärtner kümmern sich um Rhododendron-Wald, Azaleen-Hain und Botanischen Garten. Ein Umweltbildungszentrum ergänzt den Park. Mit einer Kombination aus interaktiver Ausstellung, Schauhäusern und grüner Schule vermittelt die "Botanika" Hintergründe zur Artenvielfalt.

Buchhinweis - Hartwig Schepker: 75 Jahre Rhododendronpark Bremen, Bremen 2012. Edition Temmen, 128 Seiten, 19,90 Euro.