Der Niederlage mit Gesängen statt Gewalt begegnen

Der Niederlage mit Gesängen statt Gewalt begegnen
Es war ein Dauerthema in der Bundesligasaison 2011/2012: Bengalische Feuer, Randale, Böller, Prügeleien in den Fußballstadien. Die "Ultras", der harte Kern der Fans, feiern eben anders als die Familienbesucher. Für sie ist Fußball kein Familienfest, sondern fordert knallharte, manchmal gewaltbereite Loyalität. Beim Spiel um den Abstieg eskalierte die Stimmung, Zuschauer stürmten den Rasen. Für die Zukunft müssen sich Vereine und Fans zusammensetzen und gemeinsam überlegen, wie sie beides unter einen Hut bringen: Sicherheit für alle und Feierstimmung für die Ultras. Aber die Emotion gehört dazu - brandmarken soll man sie nicht.

Die Bilder aus Düsseldorf hatten eine Wucht: Tausende Fans stürmten den Rasen, obwohl die Partie - das Rückspiel der Relegation zwischen Düsseldorf (bislang Zweitligist) und Hertha BSC Berlin (bislang Erstligist) - noch gar nicht abgepfiffen worden war. Wer in Zukunft in der Ersten, wer in der Zweiten Liga spielen darf, ist auch nach dem Abpfiff alles andere als sicher. Die Berliner haben Protest gegen die Wertung des Spiels eingelegt. Das 2:2 würde der Fortuna aus Düsseldorf zum Aufstieg verhelfen; die Rheinländer hatten das Hinspiel in Berlin mit 2:1 gewonnen.

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Nun argumentiert die Hertha-Verantwortlichen, ihre Spieler hätten die letzten Minuten nicht mehr auf Sieg spielen können. Konzentration und Willen waren der Angst vor dem heranstürmenden Fans gewichen, das Spiel muss wiederholt werden, fordern sie. Was war passiert? Rund zwei Minuten vor Ende der Nachspielzeit hatten jubelnde Düsseldorfer den Rasen gestürmt. Im Kern war das Freude, Begeisterung, gepaart mit - je nach Geschmack - Gedankenlosigkeit oder auch Dummheit. Erst nach 20 Minuten konnte das Spiel, von dem nur noch diese zwei Minuten übrig waren, fortgesetzt werden. Am Donnerstag hat dieser Umstand zu mehreren Sondersendungen ber ARD und ZDF gereicht, zur besten Sendezeit.

Die Freude nicht brandmarken

Die Wut der Berliner ist verständlich. Es ging um alles (den Klassenerhalt) oder nichts (Abstieg). Wie es scheint, ist es für Berlin das Nichts, unter fragwürdigen Bedingungen. Die Aufregung ist groß - und dann ist es ganz gut, mal genau hinzuschauen. Herthas Abstieg ist gleich bedeutend mit Düsseldorfs Aufstieg. Und zwar aus der Versenkung. Es ist noch nicht lange her, dass die Fortuna in der Oberliga spielte. Der Name sagte nur Traditionsliebhabern noch etwas. Und nun der Aufstieg! Klar, dass das Emotionen freisetzt. Viele, zu viele Zuschauer hatten die nicht mehr im Griff, sie verwechselten das Signal zum Abschlag wohl mit dem Abpfiff - der Sturm begann. Aber soll man das nun skandalisieren?

Skandalös mögen die Organisatoren gehandelt haben, die so einen Ansturm wohl nicht erwartet hatten, obwohl nur Tage zuvor die Dortmunder die Meisterfeier auf dem Rasen gefeiert haben (allerdings erst nach Abpfiff). Aber sind Emotionen der Skandal? Gefühl, das ist doch das, was wir uns erhoffen vom Fußball, vom Sport! Nun diese Freude zu brandmarken - das hat auch was von Scheinheiligkeit.

Ultras und Vereine müssen an einen Tisch

Der Skandal war, dass überhaupt so lange nachgespielt werden musste, sieben Minuten. Aber Schiedsrichter Wolfgang Stark hatte keine andere Wahl, denn nach dem zwischenzeitlichen 2:1 der Düsseldorfer hatten zunächst die Berliner Bengalos und Böller gezündet, die Düsseldorfer antworteten. Der Innenraum verschwand im Rauch, eine Werbeband fing Feuer. Der Skandal ist, dass diese Bilder nicht erst seit Dienstag bekannt sind - Pyro und Kanonenschläge waren ein steter Begleiter durch die Saison 2011/2012. Der DFB muss Ultras, die ein Recht auf Pyrotechnik für sich in Anspruch nehmen, Vereine und Sicherheitsbehörden nun schnellstens an einen Tisch bringen, um eine Lösung zu finden. Sonst wird diese Geschichte eine Fortsetzung finden.

Dem Sportgericht, das nun schnell entscheiden muss, ob das Rückspiel wiederholt werden muss, kann man nur eine glückliche Hand wünschen. Für ihre Entscheidung gibt es kein Beispiel, aber doch die Erkenntnis, dass die Berliner 34 Erstligaspiele hatten, um die Relegation zu vermeiden. Sie haben diese Spiele nicht genutzt. Genau, wie es einige wenige im Hertha-Block nicht verstanden haben, dass man auf die Führung des Gegners nicht mit Kanonenschlägen, sondern mit Gesängen reagiert.