Missbrauchsfälle im Bistum Trier totgeschwiegen

Missbrauchsfälle im Bistum Trier totgeschwiegen
Fall Dillinger: Ex-Staatsanwälte gehen von 19 Betroffenen aus
Die Aufklärung zu sexualisierter Gewalt durch den gestorbenen katholischen Priester Edmund Dillinger ist vorerst abgeschlossen. Die Vorwürfe gegen Verantwortliche im Bistum Trier wiegen schwer.
07.05.2024
epd
Von Marc Patzwald (epd)

Trier (epd). Das Bistum Trier hat nach den Worten des früheren Koblenzer Generalstaatsanwalts Jürgen Brauer mehrfach unverantwortlich auf die Missbrauchsvorwürfe gegen den gestorbenen katholischen Priester Edmund Dillinger reagiert. Vielmehr seien Vorfälle vertuscht worden, sagte er am Dienstag in Trier bei der Vorstellung eines vorläufigen Abschlussberichts. Diesen hat Brauer zusammen mit dem früheren Staatsanwalt Ingo Hromada erstellt.

Dillinger war am 27. November 2022 im Alter von 87 Jahren gestorben. Nach seinem Tod hatte sein Neffe Fotos und Filme gefunden und sich an den Trierer Bischof Stephan Ackermann und die Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs im Verantwortungsbereich des Bistums Trier gewandt. Dillinger war unter anderem als Lehrer tätig, als Seelsorger für den Cartellverband katholischer deutscher Studentenverbindungen und als Vorsitzender des von ihm gegründeten Hilfsvereins CV-Afrika-Hilfe.

Die früheren Staatsanwälte nutzten laut Breuer Ermittlungsakten von drei Staatsanwaltschaften, 4.500 Lichtbilder, Akten des Bistums Trier, mehr als 50 Interviews, zahlreiche schriftliche Auskünfte von Privatpersonen und Institutionen, Dillingers eigene Schriften und das Internet für ihre Recherchen. Insgesamt gehen sie von bisher 19 Menschen aus, die in unterschiedlichen Schweregraden missbraucht wurden. Elf der Opfer seien namentlich bekannt.

Hromada sagte, dass Dillinger in seinen Predigten Fehlverhalten beklagte, welches er selbst praktizierte. Schüler des Max-Planck-Gymnasiums in Saarlouis hätten ihn etwa als „Scheinheilliger Heiligenschein“ bezeichnet. Zwar sind die Nachforschungen zu Deutschland abgeschlossen - unter anderem, weil die Saarbrücker Staatsanwaltschaft auch Terminkalender Dillingers vernichtet hatte - jedoch stehen den Studienautoren zufolge noch weitere Recherchen zu Afrika aus.

Dillinger suchte dem Bericht zufolge häufig Kontakt zu Jungen und Jugendlichen. Bereits an seiner ersten Wirkungsstätte Anfang der 1960er Jahre seien sexuell motivierte Übergriffe geschildert worden, erläuterte Brauer. Jedoch sei weder die Zahl der Betroffenen noch das Ausmaß der Übergriffe klar. Der Kaplan, der Dillinger nachgefolgt sei, habe über Messdiener von dessen Verhalten erfahren, aber nichts unternommen, sondern sich nur geschämt.

Ein sexueller Übergriff im Jahr 1970 bei einer Romfahrt, bei der Dillinger einen Jungen masturbiert und Fotos von ihm gemacht habe, habe weder zu einer Strafanzeige noch zu einer Anhörung der Betroffenen geführt. Stattdessen sei der Gestellungsvertrag mit dem Land Rheinland-Pfalz aufgehoben und Dillinger zu einem Studium ins Bistum Köln „abgeschoben“ worden, wo er aber auch wieder an einer Schule unterrichtete, dieses Mal aber an einer reinen Mädchenschule.

Als es um die Verleihung des Bundesverdienstkreuzes in den 70er Jahren an Dillinger gegangen sei, habe das Bistum ebenfalls geschwiegen, kritisierte Brauer. Denn dafür hätte es eine Begründung gebraucht, die offengelegt hätte, dass der Missbrauch von 1970 ignoriert worden sei.

Das Bistum Trier erklärte, dass der Bericht Fehler und Versäumnisse des Bistums deutlich mache: „Es wird offenkundig, dass ein Priester der Trierer Kirche Kinder und Jugendliche missbraucht ha, und dass dies auch möglich war, weil Verantwortliche früherer Zeiten es unterlassen haben zu handeln oder unangemessen reagiert haben.“ Der Vorsitzende der Unabhängigen Aufarbeitungskommission, Gerhard Robbers, betonte, dass die Kirche aus seiner Sicht zu viel auf Täter und zu wenig auf Betroffene geachtet habe.

Kommissionsmitglied Herbert Heyd erklärte, dass sich die Gesellschaft insgesamt mit dem Thema sexueller Missbrauch auseinandersetzen müsse. „Es ist eine Aufgabe an uns alle“, betonte er. „Es ist unvorstellbar, dass das niemand mitbekommen haben soll.“