Syriens Prediger und die tiefen Gräben

Hassprediger

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Syriens Prediger und die tiefen Gräben
Vom Dissidenten zum Liebling der Rebellen: Seit Beginn des syrischen Bürgerkriegs erlebt der Geistliche Adnan al-Arur einen kometenhaften Aufstieg. Seine Popularität zeigt, wie sehr sich die Gräben in dem Land vertieft haben.

Noch vor 19 Monaten war der graubärtige Geistliche ein Unbekannter. Doch heute ist Scheich Adnan al-Arur in Syrien berühmt wie ein Filmstar. Er verdankt seine Popularität vor allem seinem Mundwerk: Arur kannte keine Hemmschwellen, wenn es darum geht, zum Kampf gegen die Regierung von Präsident Baschar al-Assad aufzurufen. So schwor er, Alawiten, die die Regierung unterstützten, "durch den Fleischwolf zu drehen" und "den Hunden zum Fraß vorzuwerfen". Elegant gekleidet und mit Verve vorgetragen, lieferte der muslimische Geistliche Hass frei Haus - per TV oder Youtube-Clips im Internet.

Vor Beginn des blutigen Aufstandes gegen Syriens Präsidenten Assad im März 2011 war der 73-jährige Fernsehscheich nichts weiter als ein exilierter Dissident. Seine Hasstiraden gegen Syriens Regierung liefen auf zwei Salafisten-Sendern aus Saudi-Arabien, wo Arur lebte. Dorthin war der Geistliche 1982 geflohen, nachdem Hafis al-Assad, der damalige Präsident und Vater des heutigen, einen Aufstand sunnitischer Muslim-Gruppen, darunter die Muslim-Brüderschaft, brutal niedergeschlagen hatte.

Lange fand Arurs TV-Kreuzzug kaum Gehör. Den meisten Syrern war der Scheich zu radikal. Seine Ausfälle gegen Schiiten, Alawiten und andere religiöse Minderheiten passten auch nicht zu dem zunächst friedlichen Bürgerrechts-Protest gegen Assad, der als ein weiterer Schauplatz des "arabischen Frühlings" begann. Syriens Bevölkerung ist sehr heterogen. Die Mehrheit der Syrer sind sunnitische Muslime. Doch Regierung und Armee werden von Alawiten und Christen dominiert. Präsident Assad ist selbst Alawit, eine Untergruppe schiitischer Muslime.

Mit Kalaschnikows für den Dschihad

Viele Alawiten, Christen und andere Nicht-Sunniten sahen in Arurs provozierendem Extremismus nur einen weiteren Beleg dafür, dass der Straßenprotest gegen Assad kein friedlicher Kampf für Menschenrechte ist. Sie hielten die Unruhen für den Aufstand einer Truppe radikal-islamischer Fanatiker, die mit ihren Kalaschnikows den Dschihad gegen alle Ungläubigen führen.

Fernsehscheich Adnan al-Arur. Foto: Youtube

Doch nach dem monatelangen Bürgerkrieg mit mehr als 30.000 Opfern haben sich die religiösen Gräben vertieft. Was vor Monaten noch unappetitlich klang, ist inzwischen zunehmend salonfähig geworden, zumindest bei drei Viertel aller Syrer, die Sunniten sind. Die wachsende Spaltung des Landes, die Zerstrittenheit der Opposition und die Unterdrückung gemäßigter Kräfte haben dem Imam und seinen theatralischen Fernseh-Auftritten Auftrieb gegeben. Moderate islamische Persönlichkeiten wie Karim Rajeh oder Sariya Rifai, die ebenso wie Arur den Aufstand gegen Assad unterstützt hatten, sind aus dem Rampenlicht gedrängt worden oder schweigen auf Druck der syrischen Regierung.

Zurück in der Heimat

Inzwischen ist Arur zurück in seiner Heimat. Im Norden Syriens, in dem kleinen Gebiet, wo die Rebellen das Sagen haben, unterstützt der Scheich nun die Kämpfern der "Freien Syrischen Armee" (FSA). Seine Popularität dort ist groß - nicht nur wegen seiner politischen Gesinnung, sondern auch wegen seiner guten Kontakte in die Golf-Länder, die die Rebellen finanziell unterstützen. Über seinen Twitter-Account agiert Arur als ein Sprachrohr der Aufständischen - an der Seite von Mustafa Scheich, ein eher gemäßigter FSA-Führer.

Arurs schrille Rhetorik ist um ein paar Stufen leiser geworden. Sein berüchtigtes "Fleischwolf"-Zitat sei aus dem Zusammenhang gerissen worden, sagt er. Er habe nur diejenigen Alawiten gemeint, die das Assad-Regime direkt unterstützten. Zugleich kritisiert der Geistliche die Einmischung ausländischer Kämpfer in Syrien und verurteilt Selbstmord-Anschläge. Doch nicht alle sind überzeugt von einem Wandel. Für die einen bleibt Arur ein Demagoge, der die Menschen zum Bürgerkrieg aufwiegelt. Die anderen hingegen hoffen, dass der TV-Prediger die zerstrittene Opposition vereinen kann.