An die Kanzel gekettet, friedlich wieder gegangen

Occupy-Aktivistinnen protestieren in Londoner St.-Paul's-Kathedrale

Foto: epd-bild/Matthew Varnham/Occupy London

Vier Frauen der Occupy-Bewegung haben sich am Abend des 14. Oktober Londoner Kathedrale St. Paul festgekettet. Der Protest löste sich aber friedlich wieder auf.

An die Kanzel gekettet, friedlich wieder gegangen
Londoner Occupy-Aktivistinnen protestieren in St. Paul's Cathedral
Pussy Riot hat's vorgemacht, Occupy nimmt es sich zu Herzen: Protest in der Kathedrale. Eingeladen zu einer Andacht ketten sich vier Aktivistinnen an die Kanzel in der Londoner Kathedrale St. Paul. Sie protestieren dagegen, dass die Kirche sich nicht deutlich gegen die Banken und den Sozialabbau der Regierung stellt. Der Dekan der Kathedrale ist "enttäuscht" und läd zu Gesprächen ein. Der Protest löst sich friedlich auf.

Ganz in weiß gekleidet sitzen vier Frauen vor der Kanzel der St.-Paul's-Kathedrale, eine davon im Rollstuhl. Erst auf den zweiten Blick bemerkt man, dass sie an der Kanzel des Gotteshauses mit dicken Metallketten festgemacht sind. Vor ihnen steht ein Regenschirm mit der Aufschrift "Werft die Geldwechsler aus dem Tempel" - eine Anspielung auf Matthäus 21,12 und Markus 11,15.

Dieses Bild bot sich am Sonntagabend Gläubigen, die zu einer Andacht in die Kirche gekommen waren. Die Frauen werfen der anglikanischen Kirche Solidarität mit den Banken und die Unterstützung der britischen Regierung vor, die derzeit massive Kürzungen im Sozialbereich vorantreibt. Zudem versammelten sich Demonstranten vor der Kathedrale, darunter auch Mitglieder von "Christianity Uncut", einem kapitalismuskritischen christlichen Netzwerk, das die Aktion mitgetragen hat.

"Ihr habt euch gegen uns gewandt"

Am 15. Oktober vergangenen Jahres errichtete die Occupy-Bewegung vor den Stufen der Kathedrale ein Camp mit rund 100 Zelten, das Ende Februar von der Polizei geräumt wurde. Dabei spielte die Kirche eine sehr ambivalente Rolle. Zwar entschied sich die Kirche, eine Räumung nicht juristisch voranzutreiben, sondern überließ das den lokalen Behörden. Monate später wurde allerdings bekannt, dass die Kirche der Polizei explizit die Genehmigung erteilt hatte, auch auf ihrem Grundstück räumen zu lassen.

Die Absprache der Kirche mit den Behörden habe zur gewaltsamen Räumung des Camps vor der Tür der Kirche geführt, rief eine Aktivistin während der Andacht den Anwesenden zu: "Ihr habt euch gegen uns gewandt, was zu weiterer Ungerechtigkeit und Ungleichheit geführt hat, die täglich wächst." Und dann forderte sie: "Ihr müsst endlich Farbe bekennen bei dieser historischen Prüfung."

Der Dekan der Kirche, David Ikon, zeigte sich enttäuscht von der Aktion der Frauen. Man habe Teile der Occupy-Bewegung zur Andacht eingeladen, um ein Gebet zu sprechen. Die Demonstrantinnen hätten diese Gastfreundschaft missbraucht. Dennoch forderte er die Aktivistinnen auf, sich an einen Tisch zu setzen und zu beraten, wie die geforderten Reformen gemeinsam erreichen könnten. Den Weg des Konflikts mit der St.-Paul's-Kathedrale, den manche Demonstranten eingeschlagen hätten, lehne er ab, sagte der anglikanische Geistliche.

Protestierer konnten mit Kirchenvertretern sprechen

Schließlich rief der Dekan die Polizei. Die Frauen verließen nach Verhandlungen am späten Abend die Kirche freiwillig. Siobhan Grimes, einer der Demonstrantinnen, sagte anschließend: "Ich wurde im Februar 2012 während der Räumung von den Stufen weggetragen während ich betete. Seitdem wurde Christianity Uncut ein Gespräch mit St. Paul's verweigert, um zu diskutieren, was passiert ist."

Während der Protestaktion habe es die Gelegenheit gegeben, mit dem Dekan von St. Paul's über Christlichkeit und ökonomische Ungleichheit zu sprechen, fügte Grimes hinzu. Außerdem sei über fragwürdige Geldanlagen der Church of England sowie unethische Unternehmen gesprochen worden, die die St.-Paul's-Kathedrale sponsern.

Würde die Church of England Geldwechsler aus der Kirche werfen?

"Christianity Uncut"-Mitglied Symon Hill, der ebenfalls im Februar weggetragen worden war, sagte: "Vor 2000 Jahren warf Jesus Christus die Wucherer aus dem Tempel. Er protestierte gegen die Menschen, die die Armen ausnehmen und gegen religiöse Führer, die nichts dagegen unternahmen."

Viele Christen würden sich gegen die Kürzungspolitik der britischen Regierung stellen. "Traurigerweise haben manche Kirchenführer mehr Solidarität mit Banken und Konzernen gezeigt als mit den Ärmsten in der Gesellschaft", sagte Hill, der auch Direktor des christlichen Thinktanks Ekklesia ist.

Der ehemalige Domherr Giles Fraser, der im vergangenen Jahr im Zusammenhang mit den Protesten schon Wochen vor der Räumung der Kathedrale von seinem Amt zurückgetreten war, zeigte sich in einem Kommentar für die britische Zeitung "The Guardian" solidarisch mit den Demonstranten. "Wie die Demonstranten die Kirche heute erinnert haben, hat Jesus die Geldwechsler aus der Kirche geworfen. Es ist schwer sich vorzustellen, dass die Church of England das Gleiche tun würde."