Kirche und Medien: "Prüft alles, und das Gute behaltet"

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Foto: photocase/paulniestroj

Religionsthemen sind in den Medien oft heikel. Auf dem Evangelischen Medienkongress wird gefragt: Wie kritisch und wie sensibel sollen wir berichten?

Kirche und Medien: "Prüft alles, und das Gute behaltet"
"Nach welchen Werten wollen wir senden?" ist die Frage, die sich rund 250 Journalisten und Kirchenvertreter am Mittwoch und Donnerstag in Mainz stellen. Die Evangelische Kirche in Deutschland und das Gemeinschaftswerk der Evangelischen Publizistik laden zum 2. Evangelischen Medienkongress ein. Wie sollten Medien über Religion berichten und was muss die Kirche beachten, wenn sie soziale Medien benutzt? Fragen an Oberkirchenrat Markus Bräuer, den Medienbeauftragten der EKD.

Bei dem Kongress treffen Journalisten der öffentlich-rechtlichen Sender mit Vertretern der Kirche und der evangelischen Publizistik zusammen. Sind Sie alle sich immer darüber einig, wie Religion im Fernsehen vorkommen soll?

Bräuer: Darüber gibt es unterschiedliche Auffassungen. Aber der Kongress bietet ja Gelegenheit, sich darüber auszutauschen und über Kriterien zu diskutieren. Der Journalismus als "vierte Gewalt" hat das gute Recht und die Pflicht, über Kirchen und Religionsgemeinschaften auch kritisch zu berichten. Ich erwarte aber auch ein Interesse und eine hohe Professionalität gerade bei den Fragen, die Menschen mit den Themen verbinden, die ihnen heilig sind.

Nehmen wir ein aktuelles Religions-Thema, das gerade durch die Medien geht: Das Mohammed-Video und die Proteste dagegen. An welchen Werten sollten sich ARD und ZDF bei der Berichterstattung orientieren?

Markus Bräuer: ARD und ZDF sollten sich an der Pressefreiheit, die im Grundgesetz verbrieft ist, orientieren und damit auch über Religionen, Religionsgemeinschaften und Kirchen berichten. Sie sollten das aber in einer angemessenen Weise tun: Ihnen sollte deutlich sein, dass religiöse Fragen ein besonders sensibles Thema sind.

Was sind aus Ihrer Sicht die aktuellen Knackpunkte? Worüber muss dringend diskutiert werden?

Bräuer: Die Medien entwickeln sich technisch in einer großen Rasanz. Das Internet und die sozialen Netzwerke haben eine enorme Beschleunigung der Nachrichtenvermittlung gebracht. Ich halte es auch für notwendig, nach inhaltlichen Qualitätskriterien zu fragen: Wie viel Zeit bleibt für die Recherche? Welche Bedeutung hat die Quote? Welche Werte werden im fiktionalen Programm vermittelt?

Ein weiterer Schwerpunkt wird die nachhaltige Berichterstattung sein. Wir wissen, dass bei Berichten über Katastrophen das Interesse der Zuschauer nach einigen Tagen nachlässt, während aber die Menschen in den betroffenen Ländern noch Monate und Jahre damit zu tun haben. Die Frage ist also: Wie kann ein Interesse für eine nachhaltige Berichterstattung geweckt werden?

Natürlich ist es in diesen Wochen auch hochaktuell der Frage nachzugehen: Wie kritisch darf man über Kirche und Religionsgemeinschaften berichten? Gerade das Video "Die Unschuld der Muslime" ist ein starkes Beispiel dafür, wie dringend notwendig die Diskussion darüber ist. Soll das Blasphemiegesetz verschärft werden? Soll der Film gezeigt werden? Welche Spannungen können solche Filme auch in Westeuropa auslösen?

Am zweiten Tag geht es auf dem Kongress um Social Media. Wenn die Kirche oder kirchliche Medien facebooken und twittern - sehen Sie das positiv oder wittern Sie Gefahr?

Bräuer: Es ist eine große Chance für die Kirchen, auch die sozialen Netzwerke zu nutzen. Wir stehen damit in einer guten Tradition: Seit Luther sind die Medien mutig genutzt worden. Stellen Sie sich vor, Luther hätte nicht auf den gerade erfundenen Buchdruck zurückgreifen können - seine Thesen und sein Anliegen der Reformation hätten sich nicht so schnell und so weit verbreiten können. Aber wir wissen auch, welche Gefahren mit den sozialen Netzwerken verbunden sind: Die Gefahr der Preisgabe von Daten, von Persönlichkeitsrechten ist groß, und deshalb ist es gut, darüber zu lernen und zu diskutieren: Wie können wir Facebook und die anderen Netzwerke nutzen, und wie können wir die Grenze definieren, wo der Schaden möglicherweise größer ist als der Wert des Nutzens?

Die Medien haben sich stark verändert und verändern sich weiter. Muss die kirchliche Verkündigung in den Medien sich mit verändern? Gibt es eine Grenze, die die Kirche nicht überschreiten sollte?

Bräuer: Die kirchliche Medienarbeit muss sich ständig weiterentwickeln. Sie muss sich auch den Seh- und Hörgewohnheiten der anderen Formate in Radio, Fernsehen und Internet anpassen in ihrer Qualität, auch in der technischen Erweiterung von sozialen Medien. Aber die Kirche ist gut beraten, nicht alles mitzumachen, sondern sich an dem guten, klugen biblischen Satz "Prüft alles, und das Gute behaltet" zu orientieren. Für mich sind Grenzen dort gesetzt, wo der Zuschauer nicht mehr nachvollziehen kann, dass eine Sendung keine Dokumentation, sondern nur gespielt ist, wie es in manchen Scripted-Reality-Formaten der Fall ist, wo Menschen mit Behinderung lächerlich dargestellt werden oder wo Gewalt nur aus der Sicht der Täter, nicht aber aus der Opferperspektive gezeigt wird.
 

Evangelisch.de beteiligt sich mit einem workshop am Evangelischen Medienkongress. Herausgeber Jörg Bollmann und Portalleiter Hanno Terbuyken sprechen am Donnerstag mit weiteren Experten über das Thema "Twitter-Bibel und YouTube-Gottesdienste - Verkündigung 2.0".