Katholikentagspräsident: Keine Sprech- und Denkverbote

epd-bild/Rüdiger Niemz

Bibelarbeit mit Alois Glück beim 2. Ökumenischen Kirchentag 2010

Katholikentagspräsident: Keine Sprech- und Denkverbote
Auf dem Katholikentag können nach Darstellung von Präsident Alois Glück alle Themen angesprochen werden, "nichts ist von vornherein mit einem Sprech- oder Denkverbot belegt". Notwendig sei die Bereitschaft zu einem wirklichen Dialog, zum Austausch und Zuhören auf Augenhöhe, sagte der Repräsentant des Zentralkomitees der deutschen Katholiken im Interview.

Herr Glück, die katholische Kirche erlebt eine massive Vertrauenskrise. Sind die aktuelle Heilig-Rock-Wallfahrt, der bevorstehende Katholikentag und im nächsten Jahr ein großes Treffen mit dem Eucharistischen Kongress in Köln Schritte, um Vertrauen zurückzugewinnen?

Alois Glück: Das hängt davon ab, wie die Menschen hier die Glaubensgemeinschaft, die Kirche erleben. Dies hängt auch eng zusammen mit der Bereitschaft, mit Wahrhaftigkeit  Fehler und Schwächen nicht zu verdrängen. Die Überwindung der Vertrauenskrise ist eng verbunden mit der Bereitschaft zur Transparenz, zur Wahrhaftigkeit.

Aus den eigenen Reihen wird der katholischen Kirche vorgehalten, sie sei zu sehr der Welt zugewandt, vernachlässige die religiösen Fragen und fördere damit die Selbstsäkularisierung. Die Gegenposition beklagt, mit einem Kurs, der Mystik statt Politik, Einheit statt Vielfalt befürwortet, begebe sich die Kirche in Distanz zur Gesellschaft. Werden diese innerkirchlichen Konflikte in Mannheim angesprochen?

Glück: Auf dem Katholikentag können alle Themen angesprochen werden, nichts ist von vornherein mit einem Sprech- oder Denkverbot belegt. Die entscheidende Aufgabenstellung ist die Qualität der Gespräche, was immer vom wechselseitigen Respekt abhängt, von der Bereitschaft zu einem wirklichen Dialog, also dem Austausch und dem Zuhören auf Augenhöhe mit der wechselseitigen Bereitschaft auch etwas anzunehmen und sich selbst auch zu verändern.

Im Verständnis unseres Glaubens gibt es keine Alternative zwischen Glaubensvollzug und Gottesbezug einerseits und Dienst für die Menschen andererseits. Gottesliebe und Nächstenliebe ist im christlichen Verständnis eine Einheit. Die Kirche ist nicht von dieser Welt, aber sie muss in dieser Welt ihre Botschaft verkünden. Alles andere wäre Verrat an ihrer Sendung.

"Wir sind in tiefer Sorge darüber, dass die aktiven Frauen unserer Kirche verloren gehen"

Die katholische Laienbewegung hat sich für eine stärkere Beteiligung von Frauen in kirchlichen Führungspositionen eingesetzt - Stichwort Diakonat der Frauen. Die Bischöfe reagierten darauf sehr schmallippig und warnten vor einer Belastung des Dialogprozesses. Gibt es Annäherungen in dieser Frage?

Glück: Wir pflegen weiter die konstruktive Zusammenarbeit. Zu nennen sind Frauen auch in Führungspositionen, etwa in Ordinariaten. Wir sind aber in tiefer Sorge darüber, dass die aktiven Frauen, die mit Engagement und Gestaltungskraft in der Gesellschaft heute eine ganz andere Rolle einnehmen und Erfahrungen sammeln, unserer Kirche verloren gehen. Im Übrigen sind viele Frauen schon jetzt in der Verkündigung tätig, etwa bei Wortgottesdiensten, in den vielen Formen der Katechesen, sie sind unverzichtbar, ohne sie würde vieles zusammenbrechen.

Den Katholikentag wünschen Sie sich als Einladung an alle, an die unterschiedlichen Strömungen und Positionen in der Kirche? Was könnten die Früchte dieses Dialogs sein?

Glück: Die Erfahrung einer guten Gesprächskultur, mit der der Katholikentag eine wichtige Integrationswirkung entfaltet. Es gibt keinen anderen Ort in unserer Kirche, in der dies in der Vielfalt so möglich ist. Dies ist ein wichtiger Beitrag zur Überwindung einer fruchtlosen Polarisierung und damit können auch Ängste abgebaut werden. Die erste Zusammenkunft im Rahmen des Dialogprozesses der Bischofskonferenz in Mannheim war dafür ja eine fruchtbare Erfahrung. Der Katholikentag in Mannheim wird eine entsprechende Fortsetzung sein.

Noch einen Blick auf das evangelisch-katholische Miteinander: Zum nahenden Reformationsjubiläum sagte vor ein paar Tagen Kardinal Koch, ökumenischer Fortschritt sei nur zu erwarten, "wenn es mit einem beidseitigen Schuldbekenntnis verbunden ist". Man sollte zudem "nicht von einem 'Jubiläum' sprechen, sondern von einem Reformations-Gedenken, denn wir können nicht eine Sünde feiern". Teilen sie diese Einschätzung?

Glück: Gegenwärtig sind anscheinend noch beide Seiten unsicher wie sie dieses Jahr 2017 gestalten sollen. Wenn ich das recht sehe, ist dies innerhalb der evangelischen Kirche Deutschland so und es ist in der katholischen Kirche nicht anders. Gleichzeitig ist es für die Glaubwürdigkeit der christlichen Konfessionen in Deutschland sehr wichtig, dass bei allen bleibenden Unterschieden hier ein glaubwürdiges gemeinsames Bemühen sichtbar wird. Das Zentralkomitee und der evangelische Kirchentag werden 2017 dafür auch eine gemeinsame Aktivität entwickeln. Die Einzelheiten liegen noch nicht fest.