EKD ringt weiter um Aufarbeitung sexualisierter Gewalt

EKD ringt weiter um Aufarbeitung sexualisierter Gewalt
Die Aufarbeitung sexualisierter Gewalt in der evangelischen Kirche wurde vergangenes Jahr zur "Chefinnensache" erklärt. Mit dem neuen Modell zur Beteiligung Betroffener hat sich etwas getan. Doch Baustellen bleiben.
08.11.2022
epd
Von Franziska Hein (epd)

Magdeburg (epd). Die Erwartungen an die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) waren im vergangenen Jahr groß, endlich Fortschritte bei der Aufarbeitung sexualisierter Gewalt zu machen. Die im November 2021 frisch ins Amt gewählte EKD-Ratsvorsitzende, Annette Kurschus, erklärte das Thema zur „Chefinnensache“. Am Dienstag ließ sich die EKD-Synode Bericht erstatten, Kirchenleitende und Betroffen von Missbrauch kamen zu Wort.

Die größte Baustelle war die Beteiligung der Betroffenen: Dort hat sich nun einiges getan. Seit Juli gibt es das neue Beteiligungsforum, ein gänzlich neues Prozedere, in dem Kirchenvertreter und Betroffene sexualisierter Gewalt auf Augenhöhe beraten. In dem neuen Forum sitzen 17 Mitglieder, 9 Kirchenvertreter und 8 Betroffene. Für Beschlüsse bedarf es einer doppelten Mehrheit beider Gruppen. Die Synode der EKD, die bis Mittwoch in Magdeburg berät, muss diesem Verfahren noch zustimmen. Über entsprechende Anträge soll am letzten Tag der Beratungen abgestimmt werden.

Die EKD hatte im vergangenen Jahr die Arbeit des kurz zuvor neu gegründeten Betroffenenbeirats nach internen Konflikten ausgesetzt. Daran hatte es viel Kritik gegeben.

Nun sei genug gestritten worden: Es gebe das gemeinsame Ziel, die Aufklärung und Aufarbeitung von sexualisierter Gewalt in EKD und Diakonie voranzubringen, betonte der Sprecher der Betroffenen im Beteiligungsforum, Detlev Zander, am Dienstag in Magdeburg vor den 128 Delegierten des evangelischen Kirchenparlaments. Man arbeite im Beteiligungsforum mit den Verantwortlichen gut zusammen, sagte er: „Hart in der Sache, jedoch fair im Umgang.“

Der Sprecher der Beauftragten im Beteiligungsforum, Landesbischof Christoph Meyns, der seine Funktion zum 1. Dezember an die pfälzische Kirchenpräsidentin Dorothee Wüst abgeben wird, kündigte die Ergebnisse der umfassenden Aufarbeitungsstudie, die seit 2019 läuft, für den kommenden Herbst an.

Das Beteiligungsforum setzt sich zudem dafür ein, dass Betroffene in kirchlichen Disziplinarverfahren mehr Rechte erhalten. Sie sollen rechtliche Beratung und Akteneinsicht erhalten. Eine digitale Vernetzungsplattform ist ein weiteres Projekt des Forums.

Bei der angestrebten Gemeinsamen Erklärung über einheitliche Standards der Aufarbeitung in allen 20 Landeskirchen mit der Missbrauchsbeauftragten der Bundesregierung, Kerstin Claus, gibt es jedoch wenig Neues. Dort solle „rasch“ eine Grundlage geschaffen werden, hieß es. Zum Erliegen kamen die Gespräche mit Claus' Amtsvorgänger Johannes-Wilhelm Rörig fast völlig, als im vergangenen Jahr der Betroffenenbeirat ausgesetzt wurde. Nun könnte es 2023 soweit sein, dass die Erklärung steht. Die katholische Deutsche Bischofskonferenz hat bereits seit 2020 eine solche Gemeinsame Erklärung unterzeichnet.

Zanders Kollegin im neuen Gremium, Nancy Janz, mahnte vor der EKD-Synode, dass die Rede von der „Chefinnensache“ keine bloße Worthülse sein dürfe. Sie verwies auf die zahlreichen verbliebenen Baustellen: So müsse man herausfinden, warum es für viele Betroffenen eine so große Hürde sei, sich bei den kirchlichen Anlaufstellen zu melden. Derzeit weiß die EKD von 757 Opfern von Missbrauch. Die Dunkelziffer dürfte weitaus höher sein. Immer noch stießen Betroffene, wenn sie sich melden, auf mitunter überforderte Kirchenmitarbeiter.

Wichtig sei auch, dass in allen 20 Landeskirchen und der Diakonie die gleichen Regeln und Standards gälten, betonte Janz. Es dürfe keinen Wildwuchs geben. Die entsprechende Musterordnung werde überall anders angewendet, kritisierte sie.

Jetzt sei die Zeit, betonten Zander und Janz. Das Beteiligungsforum sei die letzte Chance, gemeinsam mit Betroffenen Verbrechen unter dem Dach der Kirche aufzuklären.