Friedensforscher: Taliban beim Thema Frauen nicht einig

Friedensforscher: Taliban beim Thema Frauen nicht einig
12.08.2022
epd
epd-Gespräch: Natalia Matter

Frankfurt a.M. (epd). Die Taliban sind sich bei Geschlechterfragen nach Einschätzung des Friedensforschers Conrad Schetter nicht einig. „Die Taliban sind eine sehr fragmentierte, heterogene Gruppierung“, sagte der Direktor des Bonn International Centre for Conflict Studies BICC dem Evangelischen Pressedienst (epd) zum Jahrestag der Machtübernahme durch die Taliban in Afghanistan. So habe es beim Thema Mädchenbildung im März einen Führungsstreit innerhalb der islamistischen Bewegung gegeben. „Es ging darum, ob die Schülerinnen ab der 7. Klasse noch zum Unterricht zugelassen werden - erst haben sie sich dafür und dann dagegen ausgesprochen.“ Das zeige deutlich, dass sich die konservativeren Kräfte durchgesetzt haben.

Zugleich gehen Schetter zufolge in sehr vielen Regionen in Nordafghanistan auch Mädchen nach der 6. Klasse zur Schule. „Da werden ganz eigene Politiken gefahren.“ Der Friedensforscher folgert daraus, dass Gespräche mit gemäßigteren Taliban nötig und möglich sind. „Es geht darum, die Moderaten zu stärken, um ihnen mehr Gewicht innerhalb der Bewegung zu geben.“ Es sei zu befürchten, dass die Radikalen noch mehr Einfluss bekommen, dadurch dass sich die internationale Gemeinschaft zurückzieht.

Seit die Taliban am 15. August 2021 die Herrschaft über Afghanistan übernommen haben, haben sie die Rechte von Frauen und Mädchen immer mehr eingeschränkt. Frauen dürfen nicht mehr ohne männliche Begleitung aus dem Haus, müssen sich voll verschleiern, können kaum noch Studium und Beruf nachgehen. Von den Aktivistinnen, die immer wieder dagegen protestieren, sind viele inhaftiert worden oder verschwunden.

Obwohl sich die Taliban-Führung in der Hauptstadt Kabul laut Schetter bei einigen Themen inzwischen zugänglicher zeige, sei dies bei den Rechten der Frauen nicht der Fall. „In anderen Bereichen, etwa im Umgang mit ausländischen Hilfsorganisationen sind sie weitaus lernfähiger, weitaus mehr bereit zusammenzuarbeiten.“ Auch träten sie nicht mehr so martialisch auf wie in den 90er Jahren. „Aber beim Frauenthema gibt es eine sehr starke Kontinuität.“

Das liege auch am Verständnis der Stellung der Frau in weiten Teilen der afghanischen Bevölkerung, sagte Schetter. „Wir haben es mit einer sehr konservativen, patriarchalischen Gesellschaft zu tun.“ Immer wieder sei das Thema in den letzten Jahren ein zentraler Streitpunkt zwischen Modernisierern und Traditionalisten gewesen. „Damit, die Frauen in ihrer traditionellen Rolle zu halten, haben die Taliban auch über ihre klassischen Anhänger hinaus eine positive Resonanz erzielt.“ So hätten beispielsweise viele ländliche Stammesfürsten Sorge vor einem zu schnellen Wandel. Das Ausland, die meisten Frauen und die urbane Bevölkerung wollten hingegen Veränderungen. „Das Thema hat weniger mit den Taliban zu tun, sondern hat das gesamte Land in den vergangenen 100 Jahren entzweit.“