Missbrauchsbeauftragte: Zu wenige Menschen sehen Realität ins Auge

Missbrauchsbeauftragte: Zu wenige Menschen sehen Realität ins Auge
Dunkelfeldstudie, Vernetzung, Kampagne: Die To-do-Liste der neuen Missbrauchsbeauftragten Claus ist lang. Sie will mehr Aufmerksamkeit für Fälle sexualisierter Gewalt schaffen und Betroffene stärken. Im Juni trifft sie sich mit den Kirchen.

"Auch 2022 müssen wir noch von einem Tabu reden", sagt Kerstin Claus. Mit ein wenig Ernüchterung in der Stimme stellte sich die neue Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung am Mittwoch in Berlin erstmals den Medien vor. Ihr Statement enthielt zugleich auch viel Tatendrang: Mehr Vernetzung, eine Dunkelfeldstudie und eine neue Sensibilisierungskampagne stehen auf ihrem Aufgabenzettel.

Claus will mehr Sichtbarkeit für Opfer und mehr Forschung, um Kinder und Jugendliche effektiv zu schützen. "Wir alle tragen gemeinsam Verantwortung - persönlich, gesellschaftlich und politisch", sagt sie.

Seit April ist Claus die neue Unabhängige Beauftragte für Fragen sexuellen Kindesmissbrauchs. Sie ist selbst Betroffene und Expertin für Aufklärung und Prävention sexualisierter Gewalt. Ernüchtert schaut sie deshalb auf Ergebnisse einer von ihrem Amt in Auftrag gegebenen repräsentativen Umfrage, wonach zwar fast 90 Prozent der Menschen in Deutschland davon ausgehen, dass Missbrauch vor allem in der eigenen Familie stattfindet. Nur elf Prozent halten es aber für wahrscheinlich, dass es in ihrer eigenen Familie der Fall ist.

"Wir müssen dahinkommen, der Realität ins Auge zu blicken", sagt Claus. Nur wer Missbrauch im persönlichen Umfeld für möglich halte, beginne über Schutzräume nachzudenken. Für den Herbst plant sie eine Kampagne, die für das Thema sensibilisieren soll. Geplant wurde die schon von Claus' Vorgänger Johannes-Wilhelm Rörig. Er holte sich auch eine Finanzzusage von der damaligen Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD). Ob der neue Bundestag das Geld bewilligt, ist laut Claus aber noch offen. Benötigt werden fünf Millionen Euro pro Jahr.

Ein weiteres Anliegen von Claus ist es, den Schutz von Kindern und Jugendlichen durch Vernetzung aller staatlichen Ebenen zu verbessern. "Der Bund allein kann den Kinderschutz nicht voranbringen", sagt sie. Gebraucht würden auch Länder, Kommunen und weitere Netzwerke, um Missbrauch zu verhindern.

Ernüchtert äußerte sich die Beauftragte auch darüber, dass es nach wie vor keine verlässlichen Zahlen zu Dimension und Entwicklung sexualisierter Gewalt gebe. Claus fordert regelmäßige Forschung zur Aufhellung des Dunkelfelds. Nur dann lasse sich beurteilen, ob und durch welche Maßnahmen sich etwas ändere. "Politik braucht Zahlen", sagt sie und hofft auf die im Koalitionsvertrag von SPD, Grünen und FDP zugesagte Stärkung der Aufarbeitung.

Claus, die selbst Missbrauch in der evangelischen Kirche erlebt hat, will in ihrer Arbeit den Blick auf alle gesellschaftlichen Bereiche und Institutionen lenken. Sexualisierte Gewalt gebe es im Sport, in den Kirchen, auf Campingplätzen und in der Familie, sagt sie.

Mit den Kirchen ist sie nach eigenen Worten für Anfang Juni zu Gesprächen verabredet. Während es mit der katholischen Kirche bereits eine Vereinbarung über Standards der Aufarbeitung gibt, laufen die Verhandlungen mit der evangelischen Kirche noch. Die Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) hatte jüngst ein neues Modell zur Betroffenenbeteiligung vorgestellt, nachdem der ursprüngliche Beirat im Konflikt aufgelöst wurde.

Claus wollte die neue Form noch nicht beurteilen. Sie kenne wichtige Details noch nicht, sagte sie. Achten will sie darauf, dass Betroffene wirklich unabhängig und auf Augenhöhe arbeiten sowie für die Arbeit eine Aufwandsentschädigung erhalten. Dass Betroffene eingebunden werden, ist für die Beauftragte grundsätzlich "absolut relevant". "Betroffene kennen Täterstrategien", sagte sie. Missbrauch werde immer gezielt und strategisch angebahnt. Auch deshalb seien Betroffene für die Erarbeitung von Schutzkonzepten wichtig.