Erinnerungen an den Eisernen Vorhang

Einkaufsspassage in Moskau

© Vlad Karkov / SOPA Images via ZUMA / dpa

Anna lebt in Russland und erinnert sich an andere Tage: "Ich gehe die Hauptstraße der Stadt entlang und sehe geschlossene Fenster" von Geschäften und Restaurants. In Moskau haben auch viele westliche Geschäfte geschlossen.

Eine Stimme aus Russland
Erinnerungen an den Eisernen Vorhang
Anna* kommt aus Russland und ist Studentin. Sie hat einen engen Bezug zu Europa. Umso mehr hat sie der russische Angriff auf die Ukraine erschüttert. Auf evangelisch.de berichtet sie regelmäßig von ihren Eindrücken und Erlebnissen.

*Anna heißt eigentlich anders. Zu ihrem Schutz hat die Redaktion ihren Namen geändert.

Der erste Monat des Krieges ist vorbei. In meiner Universität begannen Prüfungen, aber ich kann mich nicht darauf konzentrieren. In einer anderen Situation hätte ich lieber ein "gap-year" gemacht, aber jetzt muss ich alles unbedingt schaffen. Weiteres Studium im Ausland – das ist die einzige Hoffnung auf besseres Leben. Ich habe es schon geschrieben, aber wiederhole es noch einmal: Keinesfalls möchte ich meine Probleme mit den der Ukrainer:innen vergleichen. Ihnen geht es viel viel schlimmer. Aber das, was hier passiert, ist auch kein glückliches Leben.

Was mich jetzt besonders nervt, ist die kommende Isolation. Natürlich habe ich mich in den zwei Jahren der Pandemie an die Einschränkungen gewöhnt. Die ersten sechs Monate habe ich in einem Dorf zusammen mit Elchen und Wildschweinen verbracht. Aber das war eine Art optimistisches Warten. Ich wusste, dass es Menschen auf der ganzen Welt genauso geht wie mir, und dass wir gemeinsam nach einem Ausweg suchen. Die Isolation, die jetzt begann, ist schrecklich. Meine Verwandten, die in der UdSSR lebten, begannen sich sofort an den Eisernen Vorhang zu erinnern.

Ich gehe die Hauptstraße der Stadt entlang und sehe geschlossene Fenster - H&M, wo ich vor kurzem eine Jacke gekauft habe, McDonald's, wo meine Freund:innen und ich zwischen den Vorlesungen gegessen haben… Natürlich kann ich mich auf Fastfood und Fast-fashion verzichten, das wollte ich eigentlich seit langem. Aber selbst die Existenz dieser Marken, dieser Geschäfte und Restaurants, die überall gleich aussehen, war das Zeichen eines normalen Lebens. Ich wusste, dass in genau demselben McDonald's auf der anderen Seite der Welt gleiche Leute gleiche Big Macs essen. Ich wusste, dass die gleichen Jeans wie meine von Menschen getragen werden, die Tausende Kilometer von Russland entfernt sind. Das gab ein beruhigendes Gefühl der Solidarität.

Ich erinnere mich an die Geschichten meiner Eltern, die in der UdSSR Jeans von finnischen Touristen und Kaugummi von Seeleuten kauften, die aus dem Ausland zurückkehrten. Als der erste McDonald's in Moskau eröffnet wurde, standen meine Mutter und Oma mehrere Stunden Schlange, um Pommes Frites zu probieren. Ob diese Zeiten wieder kommen werden? Ich hoffe wirklich, dass ich übertreibe.

"Du darfst böse und erschrocken sein, aber du bist nicht allein"

Das Verbot von Instagram in Russland war für mich besonders schmerzhaft. Natürlich habe ich schnell verstanden, wie VPN funktioniert und habe noch Zugriff zu meinem kleinen Blog, aber selbst die Situation, dass ich in einem verbotenen Netzwerk über meine Hobbys erzähle… Wie konnte man das vermuten? Instagram ist für mich ein Kommunikationsmittel mit einer großen offenen Welt. Wo sonst könnte ich so frei mit Menschen kommunizieren - aus Deutschland, Schweden, Amerika, Italien? In der letzten Zeit korrespondiere ich oft mit Ukrainer:innen. Ich weiß nicht immer, was ich ihnen sagen soll, aber ich halte es für meine Pflicht, zumindest ein paar Worte der Unterstützung zu schreiben. "Du darfst böse und erschrocken sein, aber du bist nicht allein, ich hoffe, dass es schnell endet!"

Die russische Regierung tut alles, um unseren Zugang nach außen einzuschränken. Unabhängige Medien werden blockiert, internationale Projekte gestoppt. Ich habe mein Auslandsstudium im Voraus geplant und bei einem solchen Projekt auch schon einen Job gefunden. Jetzt weiß ich nicht, wie es weitergeht. Hoffentlich werden wenigstens die Grenzen offen bleiben. Dann werde ich bestimmt eine Möglichkeit für mich finden.

Ich verstehe, dass viele Unternehmen Russland freiwillig verlassen und versuchen, mit Hilfe der Wirtschaft Einfluss auf die Politik zu nehmen. Und ich weiß, dass das eine bessere Idee ist - im Vergleich zu den Mitteln, die im Laufe der ganzen Geschichte verwendet wurden. Niemand stirbt davon – das ist schon gut. Aber in erster Linie leiden darunter nicht die Politiker, die den Krieg begonnen haben, sondern die einfachen Menschen. Ich kann zum Beispiel Bearbeitungskosten bei Uni-Assist nicht bezahlen, weil meine Bankkarte blockiert ist. So eine Kleinigkeit, die mir aber schon Sorgen macht.

Wenn ich Leute sehe, die sich darüber freuen, dass "Russland jetzt wirklich unabhängig sein wird", verfalle ich in einen völligen Schock. Wie viele unerfüllte Pläne und verlorene Hoffnungen kostet eine solche "Unabhängigkeit"? Die Welt ist schon so klein, und lohnt es sich wirklich, sie noch kleiner zu machen? Ich glaube, nein."

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