Protestforscher: Hungerstreik zeigt existenzielle Bedrohung

Protestforscher: Hungerstreik zeigt existenzielle Bedrohung

Der Protestforscher und Soziologe Simon Teune hat den Hungerstreik von sechs jungen Erwachsenen für mehr Klimaschutz im Berliner Regierungsviertel als "eine sehr persönliche Entscheidung" bezeichnet. Es handele sich dabei "in der Demokratie um eine der riskantesten, den Konflikt zuspitzenden Protestformen", sagte der Vorstand des Berliner Instituts für Protest- und Bewegungsforschung dem Evangelischen Pressedienst (epd). Darin spiegele sich die Erfahrung der Klimabewegung wider, dass die klassischen Protestformen wie Demonstrationen mit mehr als einer Million Teilnehmern und Teilnehmerinnen offenbar "nicht zum gewünschten Ergebnis führen".

Mit dem Hungerstreik werde "die existenzielle Bedrohung des Klimawandels auf den Punkt gebracht", sagte Teune weiter. Dabei verwies er auch auf Aktionen von "Extinction Rebellion" wie Blockaden von Straßen und Ministerien oder die Besetzung von Kohleförderanlagen durch "Ende Gelände": "Diese setzen bewusst auf zivilen Ungehorsam", so Teune, der auch am Potsdamer Institut für transformative Nachhaltigkeitsforschung (IASS) arbeitet.

Im deutschen Kontext seien Hungerstreiks ein sehr seltenes Mittel des Protestes. Er werde in der Regel von Menschen genutzt, "die sich in existenzieller Bedrängung zur Wehr setzen, die zum Beispiel im Gefängnis sitzen oder im Asylsystem feststecken". "Die Menschen gehen bis zum Äußersten, auch wenn sie wissen, dass ihr Protest wenig Aussicht auf Erfolg haben wird", fügte er hinzu. Es sei ein Versuch, "den moralischen Druck auf Entscheidungsträger deutlich zu erhöhen". Dabei sei es kein "Gesichtsverlust, wenn ein Hungerstreik beendet wird, ohne das gewünschte Ziel erreicht zu haben". Vielmehr zeige ein derartiger Protest, als wie wichtig das Anliegen angesehen werde, sagte Teune.

Allerdings könne er sich vorstellen, dass der Hungerstreik in der Klimabewegung unterschiedlich wahrgenommen und nicht von Allen gutgeheißen werde: "Der moralische Überschuss, die Selbstgefährdung und die Angemessenheit dieses Mittels werden immer wieder kritisch diskutiert", so Teune.

In Berlin war eine Gruppe von sechs jungen Klimaaktivisten zwischen 18 und 27 Jahren am 30. August in einen Hungerstreik getreten. Sie wollen so lange keine Nahrung zu sich nehmen, bis die Kanzlerkandidaten Armin Laschet (CDU) und Olaf Scholz (SPD) sowie Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock (Grüne) sich zu einem "ehrlichen" und öffentlichen Gespräch mit ihnen bereiterklären. Die Gruppe hat dafür einen Termin wenige Tage vor der Bundestagswahl vorgeschlagen: Donnerstag, den 23. September um 19 Uhr.