Zwischen Bibel und Wort Gottes unterscheiden

Aufgeschlagene Bibel zur Predigt in Kirche

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Die Bibel versammelt "Texte über Gott", die von menschlichen Erfahrungen sprechen und der Auslegung bedürfen, sagt der Alttestamentler Konrad Schmid den Unterschied.

Bibelauslegung
Zwischen Bibel und Wort Gottes unterscheiden
Der Schweizer Alttestamentler Konrad Schmid plädiert für einen aufgeklärten und kritischen Umgang mit der Bibel. Die absolute Gleichsetzung der Schrift mit dem Wort Gottes sei ein Zeichen des Fundamentalismus.

"Niemand muss den Verstand mit der Garderobe abgeben, wenn er oder sie die Bibel liest", sagte der Konrad Schmid, reformierte Theologe und Professor für Altes Testament an der Universität Zürich dem Evangelischen Pressedienst. Anlass ist der 17. Europäische Kongress für Theologie, der vom 5. bis 9. September in Zürich zum Thema "Heilige Schriften in der Kritik" öffentlich stattfindet. Die absolute Gleichsetzung von Bibel und Gottes Wort ist laut Schmid Zeichen eines fundamentalistischen Zugangs zu ihr.

"Die allermeisten Konfessionen und Strömungen im Christentum machen einen deutlichen Unterschied zwischen der Bibel und dem Wort Gottes", fügte Schmid hinzu: "Die Bibel bezeugt das Wort Gottes, zum aktuellen Wort Gottes kann die Bibel durch Auslegung und Predigt werden, doch sie enthält keine zeitlosen göttlichen Wahrheiten, die unkritisch in die Gegenwart übertragen werden können oder sollen."

Die Bibel sei anders als etwa der Koran nicht als Selbstbericht Gottes abgefasst, betonte Schmid. Die aus einer Bibliothek von 66 Einzelschriften bestehende Bibel erhebe nicht den Anspruch, von Gott selbst zu stammen: "Es sind Texte über Gott, die menschliche Erfahrungen mit Gott zur Sprache bringen", sagte der Vorsitzende der Wissenschaftlichen Gesellschaft für Theologie.

Zeitgebundene und universelle Aussagen

Die historisch-kritische Auslegung der Bibel erlaube es, die an die Zeit ihrer Entstehung vor mehr als 2000 Jahren gebundenen Aussagen zu erkennen, so Schmid. Dies könne einem modernen Menschen die Bibel überhaupt erst plausibel machen. Kein Christ müsse glauben, dass die Erde in sieben Tagen erschaffen wurde, wie in der Schöpfungsgeschichte steht. Die Bibel spiegele den wissenschaftlichen Kenntnisstand vor 2500 Jahren wider - "bestimmte Dinge wissen wir heute besser".

Die absolute Gleichsetzung von Bibel und Gottes Wort ist laut Konrad Schmid Zeichen eines fundamentalistischen Zugangs zu ihr.

Die Bibel unterscheide sich in ihrer Zeitgebundenheit nicht grundsätzlich von anderen Stücken der Weltliteratur, sagte Schmid: "Wer Dostojewski liest, muss auch eine Ahnung haben von der Geistesgeschichte oder der politischen Geschichte Russlands im 19. Jahrhundert."

Es gebe aber durchaus universelle, übergeschichtliche Einsichten der Bibel - etwa wenn es um die soziale Vernetzung des Menschen in der Gesellschaft oder der Natur geht oder um das "grundlegende Verständnis des Menschen als Geschöpf, der sich vom Schöpfer grundlegend unterscheidet". Dies spreche auch kritisch denkende Personen heute an.

In der jüdischen und katholischen Theologie sei die historisch-kritische Bibelforschung seit gut 50 Jahren etabliert, erinnerte Schmid. In vielen Regionen der Welt, darunter auch in den USA, sei die akademische Bibelwissenschaft jedoch oft in Seminaren in privater kirchlicher Trägerschaft beheimatet. Deren Spektrum könne von liberalen bis hin zu fundamentalistischen Ausrichtungen reichen. Eine methodisch kontrollierte, unabhängige historisch-kritische Koranforschung entwickele sich an verschiedenen universitären Standorten für islamische Theologie in der westlich geprägten Welt.

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