Konfliktforscherin: Fehler in Afghanistan reichen weit zurück

Konfliktforscherin: Fehler in Afghanistan reichen weit zurück
16.08.2021
epd
epd-Gespräch: Nils Sandrisser (epd)

Frankfurt a.M. (epd). Entscheidende Fehler des Westens in Afghanistan sind nach Worten der Politikwissenschaftlerin Caroline Fehl schon vor längerer Zeit passiert. Bereits zu Beginn der Militärintervention habe der damalige US-Präsident George W. Bush zu wenig eigene Soldaten eingesetzt, sagte die Expertin der Hessischen Stiftung für Friedens- und Konfliktforschung am Montag dem Evangelischen Pressedienst (epd) in Frankfurt am Main. "Die Sorge war, als imperiale Besatzungsmacht wahrgenommen zu werden", erklärte Fehl.

Stattdessen hätten die westlichen Länder auf regionale Verbündete gesetzt. Das allerdings seien zum Teil jene Warlords gewesen, die das Land in dem vorangegangenen Bürgerkrieg zugrunde gerichtet hätten und daher von der Bevölkerung abgelehnt worden seien. Als man diesen Fehler erkannt habe, hätten sich die Taliban längst wieder regruppiert gehabt. Zuletzt habe US-Präsident Barack Obama ein Umsteuern versucht und mehr Soldaten entsandt, erläuterte die Wissenschaftlerin.

Das habe er aber bald wieder rückgängig gemacht, weil er sich der Zustimmung dafür in der US-Bevölkerung und in der Demokratischen Partei nicht sicher gewesen sei. "Ab da wussten die Taliban, dass sie eigentlich nur noch warten mussten", sagte Fehl. Den letzten großen Fehler habe Obamas Nachfolger Donald Trump begangen, als er den "vollständigen Abzug ohne Gegenleistungen" der USA aus Afghanistan ankündigte.

Fehl gab zu bedenken, dass ein Erfolg auch dann nicht sicher gewesen wäre, wenn der Westen diese Fehler vermieden hätte. Faktoren jenseits der westlichen Strategiefehler hätten ebenso Einfluss gehabt, beispielsweise der Umstand, dass die Taliban in Pakistan einen weitgehend sicheren Rückzugsraum gehabt hätten. Fehl nannte außerdem die Korruption der afghanischen Regierung, die ein Funktionieren der staatlichen Funktionen sehr erschwert habe.

So hätten beispielsweise Armeeeinheiten Hunger gelitten, so dass Soldaten ihre Waffen auf dem Schwarzmarkt verkauft hätten, um etwas zu essen zu haben. Diese Waffen seien auf Umwegen oft bei den Taliban gelandet. "So hatten die Menschen in Afghanistan das Schlechteste aus zwei Welten", erklärte die Forscherin: Sie seien weder vor den Taliban noch vor Luftangriffen sicher gewesen, und auch andere Grundbedürfnisse seien nicht gedeckt worden.